Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Z0 3ft das Judentum ein Problem? Ahnung hat von dem Wirken eines Achad Haam, Martin Buber, Nathan Birnbaum, der könnte es nie wagen zu behaupten, der jüdische Nationalismus habe die Religion entthront. Es gibt freilich unter den jüdischen Nationalisten des Westens immer noch viele religiös indifferente. Das beweist nur, daß diese, früher allgemein-jüdisch indifferenten Menschen noch nicht in das Wesen des Judentums eingedrungen sind. Ihr religiöser Indifferentismus fällt nicht dem Nationaljudentum zur Last. Dieser hat sie im Gegenteil dem politischen Judentum und damit früher oder später dem religiösen gewonnen. Denn auch das kann mir dem entgangen sein, der bloß die Oberfläche des Nationaljudentums betrachtet, daß der westliche Zionismus insbesondere durch das Werk der genannten Führer, einen gewaltigen Schritt zur religiösen Vertiefung gemacht hat. , . So also ist die Schuld des Nationaljudentums an der Entthronung der Religion beschaffen. Des Verfassers Behauptung widerspricht den historischen Tatsachen, die einen starken Aufschwung religiösen Gebens in den letzten zwei Jahrzehnten (und länger ' existiert der moderne Zionismus gar nicht) zeigen, Heute ist es wirklichen Rennern des Judentums nicht mehr unbekannt, daß — abgesehen v o n d e n Z e i t u m st ä n d e n, die religiöser Entfaltung im vorigen Jahrhundert wenig günstig waren — teils der Widerstreit der jüdischen Seele zwischen starrer Gesetzlichkeit und modernem Empfinden, teils der schrankenlose Radikalismus der ersten Reform, teils unverstandener Liberalismus die religiöse Gleichgültigkeit zeugten. Sie wissen aber auch, daß etwa in derselben Zeit, da der Zionismus auftrat, auch die religiöse Bewegung einsetzte und erkennen das Walten eines bewußten Willens, der Höhen- und Tiefpunkte geschichtlichen Lebens schafft. — Der Zionismus aber soll nicht nur die Religion entthront, sondern auch die seelische Halbheit und Zerrissenheit — Begriffe, mit denen der Zionismus, das sei zngestanden, gern operierte — „erst k ü n st l i ch erschaffen" habe,:. Der Verfasser macht cs sich leicht, wenn er an Erscheinungen herantritt, die tief im Wesen der modernen Menschheit begründet sind. Daß triebhaft lebende Durchschnittsmenschen unter seelischer Zerrissenheit leiden, möchte ich auch nicht' behaupten. 2lber man schaue mw der Runst ins Angesicht, um ihr in jeder Miene zu begegnen. Dies immerwährende Suchen nach neuen Ausdrucksformen, das zu den gräßlichsten Verzerrungen des Runstempfindens führte; gewaltsam - bizarre Schöpfungen, die doch nie den Schöpfer befriedigten — waren sie etwa aus seelischer Ganzheit entstanden? Ich spreche jetzt gar nicht von Juden. Die Zerrissenheit ist international. Wenn nun die national-jüdische Propaganda Gründe suchte für die besonders starke Belastung des Juden mit dem allgemeinen Leid, so ist es aus der Weltanschauung heraus, für die sie wirkte, ganz erklärlich, daß sie die Heimatlosigkeit, den Mangel der angestcnnmten Heimaterde, dafür verantwortlich, machte. Der Verfasser verneint die nrnere Zerrissenheit der Juden, behauptet sogar das gerade Gegenteil. „Der deutsche religiöse Jude, nichts weniger als zerrissen, trug m seinem Judentum einen Schatz in sich, der ihm nicht nur kinder-seliges vertrauen, freudiges Lebensbewußtsein und Rrast zu jeder guten Tat, sondern vor allem auch Harmonie und innere Schönheit verlieh. Nichts von Halbheit! Nichts von Zwiespältigkeit! Sondern überall kraftvolle Sicherheit, ruhiges Gefühl des Geborgenseins, tiefste Befriedigung im religiösen Glauben." Wie schön ist 6as! So sah 'auch ich die Brüder in meinen besten Stunden. Aber ob das Bild zur Wirklichkeit paßt? Der Verfasser sagt „der deutsche religiöse Jude" und sperrt das Wort religiös. „Wenn ich Dich nur habe, so frage ich nichts nach Himmel und. nach Erde," übersetzt Luther in seiner herrlichen Sprache des psalmisten Wort. Der religiöse Mensch, er. der ans der Zwiespältigkeit des Daseins zur Einheit Gottes gelangt ist; der fromme Mensch, der sich und die ganze Welt in Gottes Vaud getragen sieht, der kennt weder Halbheit noch Zerrissenheit, ob er im Heimatlande oder irgendwo in der Welt weite. Wo aber finden wir diese Religiosität bei den westeuropäischen Inden? Wo finden wir diesen unbeirrbaren Glauben, diese