Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3126481-3126593-3126595--2442-3129295- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ist das Judentum ein Problem? 19 Dank nicht wahr, was häufig behauptet wird, daß die Frömmigkeit mehr und mehr schwindet. Sie schwindet nicht, siA-hat nur andere Formen angenommen; und die neuen Formen der Frömmigkeit dürfen sich neben den alten Formen getrost sehen lassen. Bei uns, die wir uns' zu den: jüdisch-religiösen Liberalismus bekennen und mit diesem unserm Bekenntnis Ernst machen, ist an die Stelle sklavischen Menschendienstes freiwillige Unterordnung unter den göttlichen Geist getreten. Vir lehnen es ab, sklavische Aibeter des toten Buckfstaben zu sein; aber wir wollen freiwillige Verehrer des lebendigen Geistes sein. 3n diesem tieferen Sinn des Wortes find wir fromm und gottesfürchtig, wie nur irgend einer unserer altgläubigen Glaubensgenossen, und dürfen von uns sagen: Vir haben die Retten würdelosen Menschendienstes gesprengt, um aus freim Stücken ein unser würdiges Joch auf urs zu nehmen, uns aus freien Stücken' der göttlichen Stimme in unserem Innern in Ehrfurcht unterzuordnen. Ist öos Judentum ein Problem? ' Eine Erwiderung*) von einem liberalen Zionisten. ft das Judentum ein Problem, eine ungelöste Frage? — Ver die Fülle unversiegbar aufquellender Fragen erschaut, die mit dem Begriff Judentum verknüpft sind, wird diese Frage nicht leichthin verneinen.- 2lber zweifellos gibt es schöpferische 2lugenblicke der Seele, in denen sie, selbst frei von jeder Problemaük, keine Probleme mehr siebt, Augenblicke, die den Villen zur Tat wachrufen. In diesen Momenten sagt der Nationalist, der in seinem Geiste die Lösung bereits erlebt hat, so gut wie der religiös-liberale deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens: „Das Judentum ist kein Problem!" Und der Ethiker, dem Menschheitsfragen und Iudentumsfragen in einerlei Gestalt er-, scheinen, sagt: „Das Judentum ist kein Problem!" . 2lber' neben ihnen steht der Skeptiker, der behauptet: „Durch die hergebrachten Begriffe sei das Problem Judentum noch nicht gelöst."- Ich hielt diese Vorbemerkungen für.notwendig, um von vornherein deutlich zu machen, daß es mir nicht darum zu tun ist, die Antwort, die der Verfasser auf seine Fragte gibt, zu widerlegen. Aber der Verfasser begnügt sich nicht damit, zu konstatieren, daß das Judentum kein Problem ist. vielmehr will er auch feststellen, woher es kam, *) Siehe den Aufsatz: „Ist das Judentum ein Problem", von Prediger Karl Rosenthal-Hörde i. D., Nr. 5/ö (Mai-Juni) vor. 3. daß man von einem jüdischen Problem spricht. „Es ist das zweifelhafte Verdienst des jüdischen NationaLmus, unser Judentuni vom erhabenen Thron der Majestät „Religion" herabgezogen und zu einen: Problem rassentheoretischer Diskussion gemacht zu haben." ~ . Der Verfasser unterläßt es, den Beweis für diese Behauptu^ zu erbringen. Wann, wo, wie hat der Nationalismus das Judentumvom erhabem.ii Thron der Majestät Religion herabgezogm? > Tat er es drdurch, daß er sagte: „Zionismus ist eine Sache der Politik und hat mit den religiHm Fragen des Judentums nichtszu tun. Innerhalb der zionistischen OrganisatLm ist Raun: für alle Schattierungell des religiösen Iudentmns. vom Freidenker bis 31m Thassid des Ostens"? So sagte der Zionismus nämlich einnral. Doch er sagt es heute nicht mehr. Leider scheint es eiur Tatsache zu sein, daß die nichtzionistische Sudenbeit, unter ihnen die ernstesten und in Fragen des Iudentmns gründlichstell Männar, den jüdischen Nationalismus nur durch die v 0 l k s p r 0 v a - ganda keilnt. Ein paar verbreitete zionistische Broschüren, die zur Propaganda bestimmt waren, einige Zeitungen — allenfalls noch diese und jene Rongreßrede geben den meisten von ihnen das Bild des jüdischen Natiollalislnus. Abrr wer allch nur eine