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Liberales Judentum · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 18

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Journal
Liberales Judentum
Volume
11 (1919)
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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>18 Dr. Norden: Sind wir noch fromm? in diesem oder jenem Buche"? wann endlich werden wir sagen: „So müssen wir handeln, denn so-steht es geschrieben in unfern Kerzen"? wann endlich werden wir aufhören, Sklavendienste zu leisten den Büche r n und ihren Verfassern, anstatt der Stimme unseres. Gewissens zu gehorchen, die die Stimme des heiligen Gottes ist? wie lange.noch' soll der beschämende Zustand andauern,- daß wir denjenigen den besseren und frömmeren Iuden nennen, der bei jeder Gelegenheit nach den Büchern greift, um zu sehen, was seine Pflicht ist, daß wir hingegen denjenigen als den weniger guten und weniger frommen Zuden bezeichnen, der mit peinlicher Gewissenhaftigkeit die Stimme seines Herzens befragt, daß sie ihm beistehe, die religiösen Pflichten treu zu erfüllen und in den religiösen Fragen einen festen Standpunkt zu gewinnen? Aber — so wird man entgegnen — was soll denn nun mi. unserer geschichtlich fest verankerten Religion und ihren religiösen Büchen: geschehen? Sollen wir sie abschaffen? Sollen wir sie nur als geschichtliche Vergangenheit bewerten, ihnen aber jede Bedeutung für die Gegenwart ab-' sprechen? Bekennen wir denn nicht in unseren Gebeten mit den Worten Salomons: „Gin Baum des Gebens ist die Thora allen denen, die an ihr festhalten, und die sie erfassen, sind beglückt"? Gewiß, wir wollen an der Thora festhalten, und nicht nur an der Thora, auch an unserm späteren jüdischen Schrifttum, und wir hoffen, dadurch innerlich beglückte Menschen zu werden. Es fragt sich nur, was wir unter diesen: Festhalten zu verstehen haben. - Soll das etwa wirklich heißen, daß wir nun in alle Ewigkeit festhalten wollen an jedem Wort, an jeder Silbe unseres Schrifttums, dessen Abfassung sich über einen Zeitraum von Jahrtausenden erstreckt? Soll wirklich jedes Wort für uns bindend sein, das jemals gesprochen, jede Silbe, die jemals geschrieben, jede Vorschrift, die jemals erlassen wurde? Ich meine, es bedarf doch in der Tat nickst allzu angestrengten Rachdenkens, un: zu erkennen,^in welcher Weife es gelten' muß, an der Lhora, an dem Talmud, an dem Schulchan Aruch, kurz an unseren: ganzen umfangreichen religiösen Schrifttun: festzuhalten. Nicht an dem Buchstaben, geschrieben von Menschenhanden. gilt es festzu halten, sondern an dem Geist, dem göttlichen Geist, der — wir dürfen es mit freudigem Stolze aussprechen — unser großes religiöses Schrifttum du-rchweht von der Thora herab bis zu den jüngst e n G r z e u g n i s.s e n d e r ne u e r en Z e it. Als freie, aufrechte Menschen beugen wir uns in Ehrfurcht und Ergriffenheit vor dem göttlich.en Geist, der aus jenen Werken zu uns spricht, vor der religiösen Begeisterung, die sie'durchglüht. Nie wollen wir uns von diesen Schriften lossage::, nie sie verleugnen. Nie sollen sie aufhören, uns eine Richtschnur zu sein für Unser jüdisches Denken und Leben. Aber doch nicht etwa so, daß wir-nun jedes Wort blindlings unterschreiben und jede Vorschrift befolgen. Daran denken wir nicht. Dafür habensich die Zeiten und die Verhältnisse gar zu sehr geändert, und es wird nicht ausbleiben, daß sie in Zukunft sich noch weiter ändern. Insofern aber sollen uns unsere Schriften eine dauernde Richtschnur sein, /als wir bei allen:, was wir für unser Judentum tun, niemals den göttlichen Geist vermissen lassen, die ernste, ehrl i ch e, g l ü h e n d e Begeisterung, aus der herausdie religiösen Schriften unserer Ahnen entstanden sind. > So sieht unferc Frömmigkeit, ans, die Frömnligkeit, wie wir religiös-liberale Zuden sie verstehen. Und diese Frönnnigkeit, aus edlem Freiheitsgefühl, aus den: Gefühl der Menfchenwürde geboren, diese Frömmigkeit, die den Zusammenhang mit der Vergangenheit aufrecht erhält, die aber dabei den Anforderungen der Gegenwart nicht ängstlich ausweicht, sie ist in Wahrheit größer, sie ist tiefer, inniger, als jene andere A r t von Frömmigkeit, die s i ch d a r i n erschöpft, zu sagen: „So steht es geschriebe n". Nein, es ist nickst wahr, es ist Gott fei

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