Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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liberales Judentum Hlonatsfchrift für die religiösen Interessen des Judenfnms 4 herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffchland f - unter der Redaktion von Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in Frankfurt a. M. No. 3 und 4. Jahrgang 11. lUSrz u. Hpril 1919. Sind mir noch fromm? Von Rabbiner Dr. Norden-Elberfeld. reiheit! Beim Klange dieses Zauberwortes beginnen unsere Kerzen höher zu schlagen. Denn nur auf dem Boden der Freiheit kann wahres Menschentum erblühen; nur im Besitze der.Freiheit können wir Hohes erstreben und Hohes erreichen. Das kostbare Gut der Freiheit wollte 21 tofe seinem Volke schenken. Furchtlos trat er vor den Aharüo hin und forderte als Bote des Gwigen: „Entlasse mein Volk." Aber da fügte er nun noch ein Wort hinzu, das uns im ersten 2lugenb licke stutzig macht: „Entlasse mein Volk, daß es mir diene." Darum also soll das Volk frei werden, um sich sogleich, von neuem in die Knechtschaft zu begeben? Darumsoll es die Fesseln Gg vxtens von sich ab schütteln, um einem neuen Zwingherrn dienstbar zu werden? Frei werden, um von neuem wieder zu dienen, lohnt das die Mübe, den Aufwand von Kraft? ' Aber Mose wußte recht wohl, was er tat, und das Volk wußte, warum es seinem Befreier vertrauen durfte. Ls ist richtig: Mose hat das Volk einem neuen fjerrii zugeführt, er hat verlangt, daß das Volk von neuem wieder diene. Aber dieser neue Dienst war gerade dazu bestimmt, das Volk ein für allemal von jedem Sklaventum zu befreien, von jeder knechtischen Gesinnung zu heilen. Das Volk sollte Gott dienen; es sollte die große, ewige Wahrheit erkennen, daß Gottesdienst der Gegensatz ist von M e n s ch e n d i e n st. wer M e n s ch e n dient, der ist unfrei in seimen Bewegungen, seinen Lntschlüssen, unfrei iim seinem ganzen Wesen, wer Gott dient m Wahrheit und in )kufrichtigkeit, der hat mit jeder sklavischen Gesinnung gebrochen, der ist gar nicht im Staude, sich vor Menschen zu beugen und ihnen blindlings zu gehorchen. Im Hochgefühl seiner. Menschenwürde verwirft er die Sklaverei, in welcher Gestalt auch immer sie auftreten mag. Im Hochgefühl seiner Freiheit folgt er nur der Stimme seines Innern und beugt sich freiwillig, als aufrechter Mensch, vor der Größe und der Erhabenheit des heiligen GÄtes und seines Sittengesetzes. Bur auf dem Voden der Freiheit rann wahres Menschentum erblühen. Und darum kann auch nur auf Dem Boden der Freiheit wahre Religion erblühen, . und darum kann auch nur auf Dem Boden der Freiheit wahres Judentum erblühen. Nur auf der Gottesfurcht darf unser Judentum sich gründen, nicht oikr auf der Menschenfurcht. Nur auf Gottesdienst darf es sich aufbauen, nicht aber auf M e n s ch e n - dien st. Wann enALch werden wir das erkennen? wann cnÄ'ich werden wir lernen, der Stimme Gottes zu gehorchen, die laut und vernehmlich in unserm Herzen ertönt, anstatt aus die Stiiumen von M e n s ch e n zu hören, die es besserwissen wollen, als der Gott in unferm Innern? wann endlich werden wir 'aufhörar, zu sagen: „So müssen wir handeln, denn so steht es geschrieben