Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Lewkowitz: Judentum und Sozialismus 13 vor allen Dingen die Fortentwicklung der Religion selbst anerkennt, muß alles daran setzen, um ihren Religionsunterricht so zu gestalten, daß er ein lebendiges Judentum schafft. Die Bedeutung dessen, was früher war, anerkennen, aber alles ausschalten, was als überlebt und veraltet festgestellt ist, das vorhandene erklären und erhalten, die Entwicklung in die Zukunft voraussehen und ohne Ueberstürzung leiten, heißt im Religionsunterricht den Sanren legen, aus dem ein Judentum hervorsxrießt, das noch in fernen Zeiten feine Wirksamkeit äußern rund — ein Judentum, dem seit allersher bestirunt ist, die Menschheit zu einigen und ein RLnschentum aufblühen zu lassen, das alles vergessen hat, was bisher und heute noch Brudw von Bruder und Schwester von Schwestw trennte. Dann wird man nicht mehr sagen Wnnen, daß die Religion unserer Propheten die eines kleirren ksirtenvolkes gewesen, sorLern man wird sie anerkennen müssen, als tfe Menschheitsreligion. Judentum imd Sozialismus. Von Rabbiner Dr. LewKowitz-Berlin. “TVe Revolution hat uns deutsche Inder vor eine Fülle neuer praktischer Aufgaben politischer,^ wirtschaftlicher und religiöser Art gestellt. "Gleichviel, in welchem Umfange die sozialistischen Forderungen sich als erfüllbar erweisen und welche Beharrungskraft die historischen Machte besitzen werden, in jedem Falle werden sozialistische Gedanken und Einrichtungen einen wesentlichen Bestandteil des deutschen Gebens bilden. Das ist eine Tatsache, mit der wir zu rechnen haben. Es genügt aber nicht, daß wir uns praktisch mit ihr abfinden. Das Judentum ist bei aller Anpassungsfähigkeit nicht opportunistisch, sondern verlangt charaktervolles und treues Festhalten an Ueberzeugungen. Darunl ist die theoretische Auseinandersetzung mit dem Sozialismus für uns unvermeidlich. Dazu sollen diese wenigen Zeilen einen bescheidenen Beitrag liefern. Ivas die Regierungsfornr betrifft, so hat der Sozialismus stets einen leidenschaftlichen Kampf gegen die Monarchie geführt. Diese Stellungnahme widerspricht dem bisherigen Empfinden der deutschen Juden, die in ihrer überwiegenden Mehrheit überzeugte Anhänger des Rönigstums waren, wenn wir aber die Frage stellen, ob diese Haltung aus unserer seelischen Art, oder aus unserer religiösen Anschauung stammt, dann ergibt sich, daß sich aus dein Judentum ein politisches Programm nicht ableiten läßt. Auf die heilige Schrift können sich mit demselben Recht Monarchisten und Gegner der Monarchie berufen, und auch in seiner späteren Ent- Wicklung hat das Judentum' seine Bekenner in den verschiedenen Zandern nicht verpflichtet, für eine bestimmte Regierungsform einzutreten. Es verlangt vomuns nur Anerkennung des Staatsgedankens inL Gehorsam gegen die Gesetze des Landes. Anser Verhältnis zur deutschen Republik wiÄd demnach nicht durch unsere Religion entschWen, sondern wird davon abhängen, wie wZrdie neue Regierungsform dem Charakter de^deutschen Volkes und seinem geschichtlich gewordenen teben entsprechen, und ob der republikanische Staat seine Aufgaben besserund gerechter, als der monarchische erfiillen wird. Damit ist ausgesprochen, daß wir nickstüber Nacht überzeugte und begeisterte RepubKmer werden, sondern ein inneres Verhältnis zur neuen Staatsform erst allmählich gewinnm? können. Die deutsche Rcgublik soll sozialistisch sein. Das bedeutet zunächst, daß das rechtliche Verhältnis des einzelnrn. zum Staate ein anderes werden soll. An Lie Stelle der persönlichen Freiheit tritt die staatliche Gebundenheit. Im bürgerlichen Start' wird die berufliche Selbständigkeit des eir?xlnen durch den Staat beschränkt, aber nicht rufgehoben, im sozialistischen wird das Berufsleben völlig in die Machtsphäre des Startes hineinbezogen. Die Selbständigkeit der LiiMlexiftenz verschwüret, und das Individuum ist nur noch Diener der Gesamtheit. Das setzt eine bestimmte Wertung des einzelnen voraus. Das Individuum besitzt dann keine eigene ideelle Bedeutung, sondern aller Wert liegt im Cefccti der Gesamtheit.