Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Dr. Lewkowitz: Judentum und Sozialismus Line selche Auffassung des Menschen scheint mir im Gegensatz zum Judentum zu sieben. Man bat zwar stets mit Recht auf den sozialen Zug der jüdischen Ethik hingewiesen, aber so entschieden auch unsere Religion fordert, daß jeder seine Kraft in den Dienst der Gesamtheit stelle, so ist doch der einzelne für uns nicht ein Organ des Staates, sondern eine Welt, die ihren eigenen wert besitzt. Das Judentum opfert die Persönlichkeit nicht der Gesamtheit, sondern sucht zwischen Individualismus und Sozialismus eine fruchtbare Synthese h^rzustellen. Ls erstrebt nicht nur eine gerechte und ideale Ordnung des Gemeinschaftslebens, sondern ebenso die in sich selbst ruhende sittliche perjotv lichkeit. Man wird mir einwenden, daß die sittliche Entwickelung der Persönlichkeit im sozialistischer! Staat nicht nur möglich ist, sondern noch begünstigt wird, weil der wirtschaftliche Egoismus in ihnr beseitigt ist und der einzelne zu sozialem Denken und Verhalten erzogen wird. Indessen bildet staatlicher Zwang an sich schon einen Gegensatz zur Sittlichkeit, deren innerstes Wesen ja die Freiheit ist. Außerdem wird der Egoismus des Menschen auch im sozialistischen Staat sicher nicht verschwinden, sondern nur in anderer Form erscheinen. Alle sittlichen Gefahren, die aus der Selbstsucht stammen, werden also wiederkchren, während mit denr Anfhören des wirtschaftlichen Kampfes eine Schwächung der Persönlichkeit eintreten muß, weil ja der einzelne dann vom Leben der Gesamtheit getragen wird und seine Existenz sich nicht zu erkämpfen braucht. Eine Weltanschauung wie die jüdisck-e, deren Zentrum im Ethischen liegt, die eine möglichst reiche Entfaltung aller seelischen Kräfte fordert, ist also mit dem Sozialismus nicht ohne Preisgabe prinzipieller Anschauungen vereinbar. Die Leugnung des individuellen Rechts gelangt inr Sozialismus zum Ausdruck in der Beseitigung des privateigentunrs. wie stellt sich das Judentum zu dieser. Frage? Es verlangt soziale Gerechtigkeit. Daß die kapitalistische Wirtschaftsordnung dieser Forderung entspricht, wird niemand mit gutem Gewissen behaupten können. Es wäre nur zu untersuchen, ob die sozialistische gerechter ist. Sie wäre es, wenn die Natur die Menschen in ihren Fähigkeiten, ihrem Charakter und ihren Bedürfnissen gleich geschaffen hätte. Bei der unendlichen Verschiedenheit aber, die unter den Menschen besteht, erscheint der Sozialismus mit seiner abstrakten und schematischen Gleichrnacherei sehr wenig gerecht. Er verhindert die 2lusbeutung der Massen und darin liegt sein hoher ethischer wert, aber indem er die wirtschaftlich Schwachen schützt, entrechtet er die Starken. Darum scheint die Wirtschaftsform, die die Heilige Schrift voraussetzt, dem Ideal der Gerechtigkeit am besten zu entsprechen. Sie erkennt das Privateigentum als berechtigt an,«sucht aber durch ein besonderes System sozialer Gesetze das BesitzrechL des einzelnen zu beschränken und den wirtschaftlich Schwachen Schutz zu bieten. Im kapitalistischen Staat herrschen nicht nur ungeheure Unterschiede wirtschaftlicher Art, sondern nicht geringere Differenzen der Bildung und Kultur. Daß die geistigen Schätze eines Volkes das Privileg der Besitzenden, einer besonderen Klasse sind, wird jeder als empörende Ungerechtigkeit empfinden. Alle Forderungen, die der Sozialismus nach dieser Richtung stellt, werden wir entschieden billigen und unterstützen müssen, wir handeln hier nicht nur inr Einklang mit der grundsätzlichen Forderung der Gerechtigkeit, sondern gehorchen auch der innersten Tendenz des Judentums. Demokratisierung der Bildung ist uns nicht nur ein politisches Gebot, sondern zugleich ein ethisches postulat. Liegt doch die Größe des Judentums vor allem darin, daß die Bibel über aller Verschiedenheit der Klassen und Stände, der Völker und der einzelnen das Ideal reiner Menschlichkeit aufrichtet, zu dessen Verwirklichung sie alle in derselben weise aufruft.