Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1919) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
11 (1919)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3126481-3126593-3126594--2433-3129285
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bernhard Breslauer: Einst und künftig 11 Cinff und künftig. Gedanken zu dem Thema: „Trennung dü® Kirche und Staat“. Von Bernhard Breslauer-Berlin. nie mehr als fünfzigjährige Entwicklung vermag ich jetzt zu überschauen. Ich sah noch die Büßer vor der Synagogenschwelle liegen, über die die fromme Gemeinde .hinwegschreiten sollte; ich hörte noch den Streit, ob gestattet werden dürfe, daß einzelne Beter zum Gottesdienst am versöhnungstage sich eine Strohschütte in die Synagoge bringen dürsten, um Nacht und Tag darauf zu stehen; noch klingt mir das Geschrei aus der „Tromxeterschul" im Ghre; noch be-- fällt mich in der Erinnerung das tiefe Erschrecken bei dem ersten Gottesdienst mit Grgel und Gesang, den ich erlebte, und ich denke auch nicht minder an den jüdischen Feldgottesdienst, der am Sonntag in einer katholischen Kirche in Frankreich unter Posaunenbegleitung abgehalten wurde. Ich sehe noch heute, wie am pessachvorabende gar mancher seine Taschen umdrehte, um nichts Gesäuertes in die Woche hinuberzunehmen; ich denke auch daran, wie in den verflossenen Jahren der schrecklichen Not sich keine Stimme fand, die öffentlich zu wiederholen wagte, was streng-orthodoxe Juden vor grauen Jahren ausgesprochen hatten, daß die Thora uns zum Lieben und nicht zum Sterben gegeben sei. Und ich -erinnere mich, wenn ich' sehen muß, daß gar manchmal der jüdische Religionsunterricht in einem leeren Herunterxlapxern unverstandener Worte und unverdauter Begriffe, in dem Herunterhasxeln unbekannter Gebete und Auswendiglernen.unerklärter Sprüche und Geschichten besteht — ich erinnere mich dann mit Dank meines Lehrers, des alten Alexander, der uns in den Geist der jüdischen Religion, in. die Gedankenwelt der Propheten einzuführen sich bemühte, und keine Unterrichtsstunde schloß, ohne vorher in kurzen Worten deutsche Dichter und Denker, am liebsten Sprüche aus Hessings Nathan, Ln die Erinnerung zu rufen und zu erklären. Und der Staat? Was ging den Staat, was ging die preußische Regierung das Judentum, seine Religionsübung, fein Religionsunterricht an? Gelegentlich hat es ein Dezernent im preußischen Kultusministerium ausgesprochen, der preußische Staat habe eine konservative Leitung, er unterstütze nur das strenggläubige Thristentum, und habe höchstens ein Interesse an einem Judentum, das strenggläubig ist. Der preußische Staat kannte nur zwei „Konfessionen", pickst verschiedene „Religionen". Er hat imnur nur von.der Gleichberechtigung der „Konfessionen" gesprochen. Die GleichberechtigurT der Religion des Judentums stand kaum auf denr Fetzen Papier, geschweige denn ward sie in die Wirklichkeit übertragen. Nur wo as zu hindern galt, da war er da, der preußifhe Staat, die preußische Verwaltung! Da wo es galt, jüdischen Gelehrten Schwierigkeitav zu machen, jüdische Lehrer zurückzudrängar», war der Staat vorhanden. Doch nein! säen wir nicht ungerecht. Da wo es galt, SpMungen im Judentum hervorzurufen öder zu vertiefen, da meldete sich „Fiskus". Noch llrbt der christliche hohe preußische Beamte, drr sich mir gegenüber rühmte, daß es seiner Mithilfe beim Kultus* Ministerium geglückt sch den Separatisten die Wege zu ebnen. Und nun kommt nach einem schrecklichen' Zusammenbruch, den wir Kurzsichtigen nicht geahnt haben, den rav' aber hätten voraussehen müssen, weil Lie Verwaltungsmaxime der Macht, die zuscmmengebrochen ist — wenigstens soweit die Juden in Betracht kommen — auf Unwahrhiftigkeit und Hinterhältigkeit aufgebaut war rnd deshalb dieser Staat über kurz oder lang hätte zusarnmenbrechen müssen!— nun komntt der neue Staat, der sogleich durch einen Machtspruch seine Trennung von der „Kirche" verkündet. Zwar die jetzige provisorische Regierung verwahrt sich noch grgen die Verkündigung dieses Machtspruches, Lsr einem unbedachten Manne „dem Gehege Ler Zähne entflohen". Die provisorische Regierung will nur die Freiheit der Religionen, die freie und ungehinderte Religionsübung verküwen, im Prinzip aber ist sie, wie ihre Mitglieder ehrlicher weise ans* sprechen müssen, für düse Trennung. was interessiert dLfe Stellungnahme der neuen Regierung uns Juden? Zwar in Süddeutschland würde mruche freundliche Mitwirkung des Staates unterbleiben, manche fjilfc und manche Achtungserweisung der öffentlichen Behörden Mwegfall 'kommen. Im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.