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Liberales Judentum · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1919) · p. Seite 5

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Journal
Liberales Judentum
Volume
11 (1919)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Dr. Dienemann: Demokratisierung der jüdischen Ganeinde 5 das hieße also die Förderung und Schaffung von Einrichtungen, die dem Volke zu gute kommen. Don jeher war ja die jüdische Gemeinde nicht bloß Glaubensgemeinde, sondern zugleich auch eine auf der Grundlage gemeinsamen Glaubensbekenntnisses erwachsene Sozialgemeinde. Demgemäß spielt die soziale Fürsorge von altersher eine große Rolle. Und je mehr man Demokratie nicht als eine Gleichmacherei, als die Herstellung einer schematischen Gleichheit faßt, sondern als einen Zustand, in dem für jeden die gleichen Möglichkeiten des Anfangs und der Entwicklung gegeben sind, um so mehr wird man die Demokratisierung der jüdischen Gemeinde vor allem in dieser Richtung suchen. Darin ruhen ja auch von altersher die Wurzeln der jüdischen Demokratie, daß jedem der Zugang zu den Quellen der Thora freistand, jeder die gleiche Möglichkeiten des Lernens haben mußte. Diese Linie gilt es in moderner Form ft>rtzuführen. Es muß für Verbreitung jüdischer Bildung die stärkste Fürsorge getroffen werden. Bibliotheken und jüdische Lesehallen müssen sich allerorten erheben, die mit einem Heim für«die jüdische Jugend verbunden werden könnten. In . den großen Gemeinden ist da vieles bereits getan, aberin den Mittel- und Uleingemein-- .den steckt noch alles in den Anfängen. Und auch' in den Großgemeinden fehlt es zumeist an der Verteilung der jüdischen Lesehallen über die einzelnen Stadtbezirke. Und doch -gibt es vielleicht nichts, das im Augenblick dringender wäre. Die Verkürzung der Arbeitszeit in den Werkstätten und Geschäften gibt Tausenden von Angestellten und Selbstän- . digen bereits am frühen Nachmittag Arbeitsruhe. Der Hunger nach geistiger Nahrung erwacht. wir würden eine schwere Versäumnis auf uns laden, würden wir ihn nur von den allgemeinen Bildnngsanstalten stillen lassen und nicht auch idie Möglichkeiten zu reicherer jüdischer Bildung schaffen, Hier liegt eine im edelsten Sinne demokratische Forderung vor uns.! Eine jüdische Gemeinde ist Nun aber in erster Reihe eine Glaubensgemeinde und in diesem ihrem Tharakter liegen auch die Grenzen der Demokrattsierung. Im politischen fami man eine Gemeinschaft auf Mehrheitsbeschlüsse aufbcuvn, wo aber, wie im Religiösen, das Gewissen und die Ueberzeugung mitspricht, daiff sich ein Gemeinschaftsleben nicht auf der Herrschaft der Mehrheit, sondern auf gegen seligem Verständnis aufbauen. Demokratie in diesem Sinne als Fürsorge für alle gefast, würde so die stärkste Stütze der E in heiits gemeinde werden. Ls darf keine Richtung vergewaltigt werden und muß für jede gesonst werden; je mehr die drohende Trennung von Airche und Staat den Zusammenschluß der im engeren Sinn Gleichgerichteten begünstigt, um so mehr muß dafür gesorgt werdm> daß das Hans der Gemeinde so wohritch gestaltet werde, daß jeder in ihm Seelerüefriedigung findet. Auch im politischen wäre es eine falsche Erklärung von Denokratie, wollte man sie so fassen, als stünde jedem das gleiche Recht der Bestimmung zu, das führte zur wüstesten Pöbelherrschaft, auch; im politischen meint man es ja so, daß durch den willen der Masse der Rundige und Brstgeeignete zur Leitung und Entscheidung an die Spitze gehoben werden soll. Ls gibt ksire Demokratie ohne Aristokratte. Wir Juden haben die gesunde Aristokratie, die Herrschaft der Geistigen, stets gehabt. Je mehr eiwr an religiösem wissen besitzt, je tiefer spine Frömmigkeit ist, je stärker seine Teilnrhme an der Lösung der besonderen jüdischen Fragen ist, um so stärker wird und muß er innerhalb der Gemeinde zum Wort kommen, um so mehr muß er als Wortführer des voL-willens gelten und um so sicherer muß ihm Führung zufallen, von hier aus dringt dem auch eine starke Mahnung zu uns Libeualen. Demokratie ist von Verantwortlichkeitsgefühl nicht zu trennen;', je mehr die Demokratisierung der Gemände fortschreiten wird, um so mehr wird Hir uns alles davon abhängen, ob unsere Ätthänger genügendverantwortlichkeitsgefülil besitzen und durch die Stärke und Tiefe iluer religiösen Ergriffenheit und ihrer Betciligung ani gemeinsamen religiösen Lebenstch den Einfluß auf die Gemeinde erobern rnd sichern werden, den sie nach ihrer Zahl haben müßten und der doch einzig und allen durch persönliche Geistigkeit und Anteilncüme ein berechtigter und dauernder wird.

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