Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 94 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Guimann: Die biblische Lehre von der göttlichen Vergeltung in seinen heilsamen äußeren Folgen gesehen wird. Nichts wäre unberechtigter als diese Auffassung. Der' ernste Glaube an Gottes gerechte waltung im Geschick des Einzelnen und der Völker mußte zu der Stimmung und zu. den wünschen führen, die in den hierher gehörenden Psalmen ihren Ausdruck gefunden haben. Und wer wollte behaupten, daß ein solcher Glaubedem innersten Wesen der Religion widerspräche? Gewiß, er gerät mit der Erfahrung in Widerspruch und muß überwunden ' werden. Zu solcher Ueberwindung führen aber nicht im eigentlichen Wesen der Religion selbst liegende Argumente, sondern aus einem ganz anderen Gebiete stannnende Gründe, mit denen die Religion sich auseinanderzusetzen hat, um dadurch selber zu gewinnen und zu steigen, worin diese Ueberwindung besteht, darauf werde ich gleich eingehen. Jetzt nur noch ein Wort zu. der £ohntheorie, von der diese Psalmen Zeugnis ablegen sollen, das Ich Wellhausens Israelitischer und jüdischer Geschichte entnehme, und das äufs trefflichste zeigt, wie die Stimmung und die wünsche jener Frommen zu erklären sind. „Die Gottlosen sind der Meinung, daß Gott sich nicht um die Menschen kümmere, von den anderen wird das als tatsächliche Leugnung Gottes angesehen. Lin neutraler Gott ist kein 'Gott. Für die Menschen existiert er nicht, wenn er zwischen den?, der ihn sucht, und dem, der nicht nach ihm fragt, keinen Unterschied macht, sondern zu dem einen das gleiche Verhältnis hat wie zu dein anderen. Dann ist die Frömmigkeit Illusion; sie streckt ihre Hand -in die leere £uft, nicht einem Arm vom Himmel entgegen. Sie bedarf des Lohnes, nicht nnr des Lohnes willen, sondern um ihrer eigenen Realität sicher zu sein, um zu wissen, daß es eine Gemeinschaft mit Gott gibt und einen Zugang zu seiner Gnade." Diese Worte finden sich in dem schönen Kapitel von der jüdischen Frömmigkeit und bedürfeil keines Zusatzes. Lül cinwandsfreies Zeugnis stellen sie gewiß dar; denn niemand wird Wellbausen Voreingenommenheit zugunsten der jüdischen Frömmigkeit vorwerfen. Und wie bescheiden sind die psalmisten in ihren Ansprüchen all das Glück! Sie wünschell nur vor einem bösen Gode bewahrt, zu bleiben, vor einem ^ode durch eine plötzliche Kataurophe, drrrch Schrvert uild Elend, Pest llild Anssatz. Sie rvollen nicht mit de,l Sündern dahingerafst werden, nicht den Roddes Gottlosen sterbeli. „Man verlangt — ich zitiere wieder Wellhansen — nicht viel, keinen materiellen Genuß, keinen Ersatz für erlittellen Schaden. Man will nur einmal Gott schauen, einen Strahl seiner Gnade haben, der das Gewissen des Angefochtenen beruhigt und. seine Unschuld der Welt objektiv dartnt." Ich wies vorhin darauf hin, daß dieser Standpunkt aber schließlich überwunden worden ist. Es ging auf die Dauer nicht an, im äußeren Geschick des Menschen die unmittelbare Folge seines Tuns zu erblicken und jedes Glück als £ohn für gutes Verhalten, jedes Mißgeschick als Strafe für die Sünde anzusehen. Die Erfahrung lehrte zu oft das Gegenteil, und die Religion geriet gar zu leicht in Gefahr. So wurde denn unter Schmerzen die Anschauung geboren, daß Gott nicht von außen, sondern von innen erfaßt werden müsse, daß sich Gott nickt nn äußeren Geschehen offenbare, sondern daß der Gott der sittlichen Weltordnung keinen anderen Lohn für. sittliches Verhalten spenden könne als die Ruhe des Gewisseirs, die aus dem Guten mit Notwendigkeit folgende innere Veredlung und das Bewußtsein, mit der Erfüllung des göttlichen Willens Gott selbst näher gekommen zu sein und sich ihm zu eigen zu wissen. So drückt es natürlich der psalmist nicht aus; aber aus Psalm 73 ergibt sich diese Lösung des Problems mit unabweisbarer Deutlichkeit. Auch der fronnne Dichter dieses Liedes hat sich mit der quälenden Frage beschäftigt, wie das göttliche Weltregiment das Glück des Frevlers zulassen könne. Die schnierzliche Wirklichkeit hat ihn .wohl gelegentlich zu ungeziemenden Klage?! gegen Gott verleitet. „Ja umsonst Hab' ich lauter mein Herz und rein ineine Hände gehalten, und war doch allzeit geplagt und täglich von neuen? gezüchtigt." Wie wohl ergeht es dagegen den Sündern, „von Analen wissen sie nichts, gesund und voll Kraft ist ihr Leib; sie trifft nicht der Sterblichen Mühsal: sie plagt nicht, was andere plagt." „Drvan heißt's, wie sollte Gott wissen, wie gäbe es Kenntnis beim Höchsten? Sieh, also treiben's die Sünder, und allzeit itri Glück inehren sie Reichtum." Er aber hat sich durch diese Kämpfe hindurchgerungeu zu der Einsicht, daß aller Neid aus das Glück der Sünder eine Torheit ist; denn das Glück der Sünder ist trügerisch, ein äußerer, blendender Schein; in Wirklichkeit ist die