Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 93 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Gutmann: Die biblische Lehre von der göttlichen Dergeltung tük er uns unseren Sünden gemäß, nicht vergilt UNS der Herr nach dem Maß unserer Schuld; denn er kennt unsere Art, bedenkt, büß wir' Staub sind." ((03) Ja, zuweilen tastet 'ein schweres Schuldtewußtfein auf der gänzen Gemeinde der Frommen, wie es sich namentlich im 9°- PMm ausspricht. Den Dichter dieses psalnrs erschüttert nicht so sehr die Tatsache, daß der Mensch zum Staube zürückmuß, wie die Ursache dieses auf denr Menschengeschlecht lastenden Todesverhängnisses. Das aber ist die S ü n d e. „Ja, wir vergehn durch deinen Zorn, und durch deinen Grimm werden wir dahingestreckt." Zum Problem, um dessen Lösung in schweren inneren Rämpfen und heißen Gebeten gerungen wird, wird die Frage nach Gottes gerechtem Walten erst da, wo der Not des einzelnen Frommen das Glück des Frevlers gegenübersteht. Und das Problem ist deshalb so viel schwieriger als das, welches die Lage des Volkes 'bietet, weil die Gemeinde sich auf die Zukunft vertrösten kann, während der Einzelne in seinem kurzen (eben die Wahrheit der Religion an seinein Schicksal erfahren möchte. Denn den Glauben an eine Zukunft des Einzelnen jenseits des Grabes, .in der alle Rätsel ihre Lösung finden, alte Frömmigkeit ihren dauernden Lohn, alle Sunde ihre Vergeltung, kennen die Frommen jener Zeit nicht, wenn sie nicht mit dein quälenden Zweifel an Gottes gerechter Weltordnung oder an ihrer eigenen Gerechtigkeit in in die Grube fahren sollen, muß sich in ihrem Leben, an ihrem Glück und an dem Verderben der Frevler erweisen, ob sie recht haben oder diejenigen, die ihnen höhnend und spöttisch zurufen: „Ls gibt keinen Gott, oder, wenn es einen gibt, so kümmert er sich nicht um der Menschen Tun und ihr Geschick." Aus dieser Situation erklären sich die so leidenschaftlichen Bitten der Frommen um den Sturz und das verderben der Frevler, vergessen werde aber nicht, daß es sich für die psalmisten nicht handelt um Rache und Schadenfreude, sondern um -ihre eigene Seele, um die Sache ihres Gottes, die in ihren Augen und in den Augen der Welt leidet, wenn nicht feine Heiligkeit und Größe sich in seiner gerechten Waltung offenbart. ,/D Herr, mach in mir nicht zuschanden, die auf dich hoffen; Gott Israels, beschäm nicht in mir, die nach dir fragen... Erhöre mich, Herr, nach deiner Güte und Huld, . . . tritt her Zr meiner Seele, /erlöse sie, um meiner Feinde willen befreie mich. Möge ihr Tisch vor ihnen zur Fälle werden, ihrer Augen LLht werde dunkel, ihre Lenden laß allzeit wanken. Gieße aus über sie deinen Grimm, urS deine Zornglut möge sie fassen!" (Psalm wie hier, so wird auch in Psalm (0 Getr geradezu daran erinnert, daß er eingreUen müsse, um seine gefährdete Sache in devr Augen der Welt zu retten.^» „warum, 0 Herr, stehest du fern, verbirgst dich in Zeittn der Not? Bei des FrevlerS Hochmut verzehrt sich der Dulder. — .... Erhebe dich, Herr, recke deine Hand, vergiß nicht der Dulder auf ewig! Warum darf der Frevler hohnar, vermeinen, du suchest nicht heim? ZerschmÄLLre des Frevlers Arm, such heim feinen Frevck, daß er nimmer zu finden." Gewöhnlich Löst sich dann die seelische Spannung, die Lurch das ungestraft fortdauernde hämische Gebaren der Feinde des Beters hervorgeruffen ist, in der ruhigen Gewißheit, daß Gott fckne Frommen nicht im Unglück verläßt. So endet Psalm so, der mit der Rlage über Lvr trostlose Lage des Gerechten und den Triumph des Frevlers beginnt, mit dem Trost: „Ich traue deiner Gnade, mein Herz soll dckner Hilfe sich freuen! Ich will singen dem Herrn, der mir Güte erwies." Deutlicher und Hoffnungsfreud rger klingt es aus den psalmeDo? und 92: „wenn die Sünder dem Grase gleich sproßten und alle Uebeltäter blühten, zo war's, damit sie vertilgt würden für immer. Denn siehe, deine Feinde, 0 Ewiger, denn ziehe, deine Feinde vergehen, zerstreut werde« alle Missetäter.. . und mit Lust blickt mein Auge auf meine Dränger, nrit Lust hört mein Ghr meiner Gegner Geschick." „Ich strh einen Gottlosen trotzend und sich spreizet wie die Zeder des Libanon, und ich gMg vorüber und siehe, er war nicht inehr da; ich suchte ihn, aber er war Est zu finden." So kommen also auch die Sänger der Psalmen im allgenreinen röcht los von denr Glauben, daß sich im äußeren Geschick des Menschen die Gerechtigkeit des göttlichen Gerichts erweise. Ich möchte aber diesen Punkt nicht verlassen, ohne auf die oft aufgeworfene Behauptung einzugehen, daß sich in diesen Psalmen eine inferiore reZLnöse Auffassung kundgebe, daß hier gar jene üble Lohntheorie sich zeige, nach der der wert des Güten nur