Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Gutmann: Die biblische Lehre von der göttlichen Vergeltung 91 Da er. in. Frieden heimkehrt, tritt ihm der 'Prophet Jahn, der Sohn Thananis, entgegen und spricht zu ihm: „Mußtest du dem Gottlosen helfen, und liebst du die, die den Ewigen hassen? Darum lastet nun auf dir grimmiger Zorn vom Ewigen." Und wirklich wurde das Land durch einen Einfall feindlicher Scharen bestraft. Könige 22, Pi, 50 wird uns erzählt, daß Josaphat Tarsisschiffe bauen ließ, die nach Gxhir fahren sollten, um Gold zu -holen. Einen Vorschlag des israelitischen Königs Ahasja, seine Knechte an der Fahrt teilnehmen zu lassen, lehnte er ab. . Die Schiffe fuhren jedoch nicht aus; denn sie scheiterten zu Ezion-Geber. Dabei kann der Verfasser der" Ehronik 'sich natürlich nicht beruhigen. wie kann ein so frommer König wie Josaphat von einem solchen Unglück heimgesucht werden? Er sucht und findet dann auch eine moralische Begründung. Gegenden sicher zuverlässigen Bericht der Königsbücherläßt er den König sich mit dem götzendienerischen Ahasja verbinden, und zur Strafe dafür zertrümmert ihm der Ewige seine Flotte. Ein Beispiel in entgegengesetztem Sinne bietet die Ueberarbeitung der Geschichte des.Königs . Manaffe. Er. war der schlimmsten Herrscher einer; „er vergoß sehr viel unschuldiges Blut, bis er Jerusalem bis oben damit erfüllt hatte, außer der Sünde, daß er Juda verleitete, zu tun, was dem Ewigen mißfiel." Und dieses Scheusal regierte 55 Jahre, länger als irgend ein König vor ihm. Langes Leben aber war nn alten Israel ein besonders wertvolles und geschätztes Gut. So mußte die Lhronik Anstoß daran nehmen, daß Gott diesen bösen Fürsten so lange und ungestört hatte regieren lassen, und sie räumt diesen Stein aus dem Wege, indem sie erzählt, daß Ulanasse zur Strafe für seine Sünde von den Assyrern in Ketten nach Babylon gebracht worden und dort reuig zu Gott zurückgekehrt sei. Line ähnliche Anschauung finden wir auch in den proverbien: „Der Fluch des Ewigen lastet auf dem Hause des Gottlosen; aber der Frommen Wohnstätte segnet er." (3, 33). „Der Fromme wird nimmermehr wanken, aber die Gottlosen werden.nicht im Lande wohnen bleiben." ftO, 30). „Erachtet jemand.nach Gerechtigkeit, so führt's zum Leben; jagt er aber ^dem Bösen nach, so führt's zu seinem b<L.ode." (ft, (9)- „Der Böse wird nicht straflos bleiben, aber d-L 'Geschlecht der Frommen! entrinnt." (ft, 2\). Aehnliche Stellen finden sich in großer Zahl. So hatte das Moblein des Verhältnisses, «von Verdienst und Geschick oder das der ge-! rechten Vergeltung menschlichen Verhaltens durch Gott eine sähr einfache und allgemein einleuchtende LösurG gefunden, und es hätte dabei auch fein Bewrnden haben können, wenn nicht in vielen Fällmdie Erfahrung der Annahme der Lösung entgegengestanden hätte. Man sah zu oft den Frommen leiden, den Gott- > losen dagegen im Glücke, als daß man sich nicht I gedrängt gefühlt HMe, neue Wege zur Lösung der bangen. Frrge nach der Gerechtigkeit Gottes zu suchen. Denn eine bange, schmerzliche Frage war es mit der Zeit geworden. Der Rest Israels, die Besten, die am meisten an der Heimat, am (l-empel und an ihrem Gotte hingen,. waron aus Babylon nach Palästina zurückgekehrt.; durch einen unverbrüchlichen Eid hatten sie sich verpflichtet, die von Esra verkündete Lehre Moses zu halten, und redlich waren sie bemüht, ihrem Gotte ganz so zu dienen, wie m es durch sein Gesetz forderte. Aber das Glück' war nicht in der glänzenden Gestalt zu ihnen gekommen, in der sie es sich vorgesteltt hatten. Israel seufzte nach wie vor unter der Fremdherrschaft: es glich dem Steppenbach, der im heißen Sande verrinnt. Nach dem prophetischen Worte sollte ein Segenstrom für Ae Heidenwelt von ihn: ansgehen; noch aber ist es verachtet und von den Menschen verlassm», von Schmerzen heimgesucht, mit Krankheit vertraut, gleich einem, vor denr man das ArEtz verhüllt. Und dem Schicksal des Volkes gluckst das des Einzelnen. Nicht nur zur Zeit der syrischen Neligionsnoi sind die Fronunen um ihres Glaubens willen Verfolgungen ansgesetzL; auch sonst haben sie zuklagen über Anfechtung, Geringschätzung, Verachtung, Bedrohung durch ihre Feinde. Die in der nacherilischen Zeit entstandenen Psalmen Hallen widrr von den Klagen über die Leiden und Enttäuschungen, die das Volk und der Eirzelne erduldet, Aber neben den Klagen höror wir auch den Trost, den die frommen Beter ihrem Volke und sich znsprechen, wie sie sich emporheben über alle innere Not und alle Zveifel, die durch jene unseligen Zustände in ilner Seele geweckt werden. Den Psalmen, in denen jenes Problem von deni Verhältnis zwischen Verdienst und