Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Gutmann : Die biblische Lehre von der göttlichrn Vergeltung 87 sich zu sehen, stoßen Sie gleich auf den Zweiten. Nicht wahr, die Antisemiten haben wir Juden sind doch überall; stets drän- §» wir uns vor'? Auch wir, fünf Brüder in snferer Familie, waren so zudringlich, in den «Jen Tagen des Krieges zu den Fahnen zu sLm, mehrere von uns wurden verwundet, «tzelten das <£. K. und andere Orden, einer M « der Sommeschlacht geblieb en. Mer weiß, ««viele Juden Ihnen draußen bereits be- Wsgnet find, ohne daß Sie's wußten! Sollten für- Ihrem — — — vor-Krteil übet die ^sden in Zukunft nicht doch einige Mäßigung «Zerlegen wollen? vergessen Sie nicht: die- HÄbe Kugel kann Ihnen wie mir den Tod LrÄmen, vor ihm sind Juden und Christen aLÄch. vielleicht wird die Erfahrung dieser Rächt Ihnen eine Lehre fein!" vizefeld- M^ek G brachte noch einige unglückliche Lntfökckdrgungen vor und verließ meinen Unter- -/stksod. — - - Einige Monate später ging ich mit vizefsDw^el * G. zur Gasraumprobe. wir spDachen von gleichgültigen Dingen und d ach - te® höchstens an den Telefonisten Cohn, . der feit längerer Zeit zu seiner alten Batterie zurLZversetzt war. Hoch über uns surrten zkseir deutsche Flieger in der Luft, umgeben von eW2M Kranz weißlich-gelber Schrapnellwölkche®, und das Getöse der platzenden Geschosse machte die Luft erzittern. Km uns vor den zahlreichen herabfallenden Sxrengstücken etwas zu schützen, Laten wir seitwärts in den Wald. Ein klein«: Soldatenfriedhof lüg vor uns. Zwei ba^Msche Landsturmleute waren nn Begriff, ein fch'ches Grab aufzuschaufeln, in das wohl vor Drrzem ein Krieger gebettet fein mußte. Auf Dem Erdhaufen, neben dem noch halb geöfftuten Grabe lag ein weißes Holzkreuz, von «rarem riesigen Kranz aus Tannengrün halb verdeckt. Ohne besondere Anteilnahme, fast aus Neugier schob ick? den Kranz zur Seite, den Namen des Gefallenen zu. lesen.. Ich fühlte, wie ich plötzlich erbleichte. Vizefeldwebel G., der wohl bemerkte, daß ich meiner ^Bewegung kaum Herr werden komcks, kani näher. Ich zeigte auf das Grabmal. Da stand: Hier ruht ein Lvmer. deutscher Kamerad. ' TelefonD Siegfried Lohn, geb. 3. 8. 9^ zu Xi?..; gefallen am 6. \0. \9\~- 5, Batterie, Feldartillerie-Negt.. Ich trat an Las Grab und warf drei Schaufeln Erde hiwein. vizefeldwebel G. folgte meinem BeGnel. Dann gingen wir schwelgend langsam weiter. Liner fühlte vom andern, was ihn bewegen nrochte. Und nach nach einigen Minuten sagte vizefeldwebel G. halblaut: „Habe vch das denn ahnen können?!" Wajelchu sch'ndäem jachdow. — Da gingen wir einträchtig weiter und dachten an den Tod. , vie blblifche lehre oonder göttlichen Vergeltung. To« Direktor Dr. GuttnannBerlin. T\k Lehre von der Vergeltung ist die Ant- 1**' wort auf die Frage nach dem Sinn der Geschichte. Tausenden schwebt heute diese Frage auf den Lippen, aber schon in der biblischen Zeit stand sie im Vordergrund des religw;« Denkens der führenden Geister Israels. Lieber die älteste Anschauung des Volkes Israel vom Verhältnis Gottes zu den Menschen haben wir keine direkten Zeugnisse. Ater rmch einer fetzt ziemlich allgemeinen Annahme iß der Glaube an Gott als den Ouell und den Hort alles Rechts und aller Sittlichkeit ein speMsch mosaischer Gedanke. Denn keiner der großen Propheten des 8. Jahrhunderts hat dss Bewußtsein, mit seiner Lehre vom heiligem Gott seinem Volke etwas absolut Neues zu bringen; fcdur ist vielmehr üb erzeugt, daß er mit seiner predigt an alte, längst bekannte Gedanken anknüpft, die nur vom Volke nicht beachtet, von ihm entstellt und zum Teil ans Verkehrtheit des Herzens in ihr Gegenteil verwandelt worden sind. Diese Gedanken können aber auch nicht, wie Bäntsch in seinem Buch über altorientalisHen und altisraeliti scheu Monotheismus zeigt, das Ergebnis einer Höherentwicklung der Volksreligion sein, sie weisen vielmehr durch ihren charakteristischen Gegensatz zu altem, was sonst Bestandteil einer volksreligion ist*), auf unen religiösen Genius *) Israel hat lerne Mythologie oder wenigstens nur Spuren einer solchen, ftt Gottheit ist nicht geschlechtlich differenziert.