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Liberales Judentum · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November 1918) · p. Seite 86

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 86 (sequence 6)
Language
German
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86 Prediger Karl NosenLhal: Llsinento mori! Memento mori! - ' Öon Prediger Karl Nosenthal, Hörde i. W., -z. Zi. Gffiz.-Skellv. im Felde. ir hattest 9 Tage im Trornnrelfeuer der Flandernfront gelegen. In der Nacht zum i. Mai wurden wir abgelöst. Ls war eine jener unendlich weichen, 'milden Früh-, lingsnächte, die das Herz überfließen läßt von tiefer Lehnsucht und freudigem Lebenswillen. Nach den schweren Tagen, die hinter uns lagen, waren wir alle in ernster, beinahe feierlicher Stimmung.- Als wir uns dem Schloßpark des kleinen Städtchen 7X1.... näherten, wo wir Ruhequartiere beziehen sollten, fiel einem von uns ein, daß die erste Mainacht wäre. Das gab frohen Mut! Liner fing an heimlich zu singen; -ein Zweiter folgte, und bald schallte aus |80 frischen Rehlen ein Heller Rlang in die düftereiche Nacht hinaus: „Der Mai ist gekommen!" 'Not und Gefahr -wären vergessen, frischer Lebensmut erfüllte alle Kerzen. Raum dem Tode entronnen, grüßten wir freudig — übermütig den jungen Lenz. Am andern Mittag — es war ein Sonnen — spielte unsere Regimentskapelle im Schloßpark von M.... Sie stand in einem Kreisrund auf dem gepflegten Rasen. Auf den breiten, schattigen wegen zogen Feldgraue, die die Spuren der Schützengräben noch an sich trugen, in lustigem Geplauder auf und ab und lauschten den fröhlichen weisen der lang entbehrten Musik. Auch ich denke nicht mehr der harten Tage hinter uns. Fühle nur den pulsschlag neuen Lebens, das mit heißer Gewalt mich durchströntt. Und freue mich am Gezwitscher der Vögel, am berauschenden Duft üppigen Flieders undam ernsten Grün alter Buchen und breitästiger Platanen. plötzlich sehe ich, über den Rasen weg, unter den dunklen Bäumen etwas Helles leuchten. Langsam schreite ich näher: drei frische Gräber mit weißgestrichenen Kreuzen! Im Tode vereint schlafen hier zwei Franzosen und ein Deutschem den ewigen Schlaf!.... - Raum hatte ich das junge Leben begrüßt, mahnt schon wieder d e r T o d: G e - denke mein! Zwei Jahre später. Ich lag \200 Meter hoch in einer Beobachtungsstelle — nach schwerer Verwundung war ich inzwischen Artillerist geworden — und beobachtete von hier aus das Schießen meiner Batterie. Den ganzen Tag bis spät in die Nacht hinein hatte rege Ramxftätigkeit geherrscht. Der Gegner überschüttete uns alle paar Stunden mit heftigen Feuerüberfällen. Ls mochte bald Mitternacht fein, und ich be-. nutzte die endlich eingetretene Ruhe dazu, meine schriftliche Gefechtsmeldung zu machen. Da. trat der Vizefeldwebel G.... von dev Fußartillerie, dessen Beobachtungsstelle unmittelbar neben der unsrigen lag, in meinen Unterstand. Lr wollte seinen Gefechtsbericht mit meinem vergleichen, während wirdie Vorgänge des Tages besprachen, erschien ein mir zugeteilter Telefonist, um eine Meldung zu überbringen. Mit strammer Rehrtwendung trat er ab und ich entließ ihn mit den. Worten: „Gute Nacht, Lohn!" . ' Raum hätte er den Unterstand verlassen, da Hub Mein Besuch, der Vizefeldwebel, ein hämisches Lachen an: „Der ist wohl ein Mir schlug das Blut ins Gesicht, doch ich fragte noch ganz ruhig: „warum nennen Sie den Mann einen Itzig?" „Nun," antwortete vizcfcldwebel G...., der im Zivilberuf Geschäftsreisender ist, „wenn er Lohn heißt, wird er doch einer sein." — „Lr ist Jude!", sagte ich. „Na, wir haben schon als Rinder „Itzig" gerufen." — „Und wenn Sie schon in Ihrer Jugend solchen Unfug mitmachten, warum beschimpfen Sie hier einen Soldaten, der treu seine' Pflicht erfüllt und wie Sie jeden Augenblick ein Rind des Todes sein kann!?" G...., den meine Parteinahme für den „Itzig" wohl überraschen mochte, antwortete etwas gereizt: „Ls ist der erste Jude, den ich in vorderster Linie treffe!" Lmpört war ich aufgesprungen: „Und vor Ihnen steht der zweite!"-- Hilfsloses Verlegenheitsgestammel. Lr hätte das nicht ahnen können. . . . . „Ich will Ihnen etwas sagen", unterbrach ich G?s Lntschuldigungen, „Lohns Bruder fiel vor i1/* Jahren in Flandern — gewiß nicht in den heimatlichen h i n t e r e n Linien, wo so viele sind, die -gleich Ihnen über die „Itzig-" schimpfen, die nicht in vorderster Linie, zu finde,: seien. Und in dem Augenblick, in den: Sie glauben, draußen den ersten Juden

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