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Liberales Judentum · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November 1918) · p. Seite 85

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November 1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 85 (sequence 5)
Language
German
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Erich Sachs: Ueber die Berechtigung des ZioniAnus 85 wir als geistige Erbschaft mit einem Wort die Gedankenwelt der Bibel. Alles kam aus ihr, der Gottesdienst und die Blüte der jüdischen Literatur. Doch ^auf eine solche gemeinsame Geschichte, auf eine titeratur, auf gottesdienstliche Gebräuche kann man keine -Nation gründen wollen, eher einen Lehrstuhl, ein Seminar oder eine Kirche, wenn so etwas überhaupt in Betracht käme. Sind etwa in. der Bibel Ideen, für die wir eine Nation gründen-könnten oder vielleicht sogar gründe,! müßten? Alles. Dogmatische fällt von vornherein weg^ da es unserer Zeit unwürdig ist. Und zur Bewahrung bis heute unerreichter moralischer Forderungen braucht rnan keine Nation. Um sie zu verbreiten und in der Menschheit in.Erfüllung gehen zu .lassen, sind weder' eine Nation noch eine angeborene oder anerzogene Religion die Mittel. Aber wir hatten eine Idee der Bibel als die höchste anerkannt, als die wesentlichste des Judentums und die gültige.Sendung der heutigen Duden. Es ist die Idee der Menschheit. Und für das Wirken dieser höchsten Idee ist. die Nation, das. untauglichste Mittel. Wenn wir nicht.schon vorn Schicksal unter die Völker zerstreut wären, müßten wir uns um ihretwillen zerstreuen, wir Juden lebr;n als Träger dieser D&ee in allen Ländern Europas, in mehr als sOOO Jahren wandelten Land und Klima die Asiaten zu Europäern, .sie hüteten Hunderte von Jahren in der Barbarenzeit der europäischen Völker ihr geistiges Erbteil in strenger Abgeschlossenheit, bis sie von der steigenden Flut der Kultur, die endlich die Völker auf ihren Rücken hob und über die geistigen Schranken ihrer Absonderung stieg, selber mit emporgehoben wurden. Jetzt erst wurden die einzelnen Lander, in denen die Juden verstreut waren, ihnen eigentlich zu,n Vaterland, indem ererbte, restlos gebrauchte Lebendigkeit und Schärfe ihrer geistigen Anlage sie jede reifste Frucht der nationalen' Kultur dieses Landes voll genießen und bald selber den eigenen Beitrag zu weiteren Fortschritten geben ließ. Denn man verdient sich sein Vaterland so gut durch.geistige wie durch körperliche Arbeit. So genießen wir alles Gute der Na-, ttonen und helfen ihnen ihre Schicksale zu tragen, ohne doch ganz in ihrer Abgrenzung zu versinken. wrr müssen horte mehr als je über diese Mauern des. Nationalismus hinwegsehen, zu den Juden der anderen Völker, als die Bindeglieder dar Nationen. Denn das Christentum, als RMgion in zwei feindliche Lager gespalten, ist noch , in seinen Splittern von den Parteien sckner Träger zur Magd ihrer nationalen Bestrebungen entwürdigt worden, was es der Menschheit zu sagen hätte, muß es auf Kommando des Nationalismus verschweigen. Darum ruht die Ausgabe vor allen anderen aas unseren Schultern. Wir sind dazu berufen, als die Wächter auf den Schiffen dsr Nationen, wenn die Besatzung—zielvergefsM nur nach den eigenen Interessen steuerm will, den Kurs ihrer Fahrt trotz allem auf den fernen, alle fassenden Hafen der Menschheit gerichtet zu halten. Das^ ist unsere Sendung, zu der wir nicht etwa als die Einzigen, aber als die Reifsten berufen find, wenn wir selber daran glauben. Denn jeder hat die Aufgabe, zu der er sich.berufen Dhlt. * ' :*'• *' Anmerkung: Darum war es das jämmerlichste Zeichen an einem Juden, mit im nationalistischen Thor seines Landes zu. brüllen und sich als bkMlsterten Chauvinisten zu gebärden, wir deuWhe Juden haben das Glück, aus UeberzeugWrg auf der Seite des Völkerbundes zu stehen, der den Kampf gegen' die nationalistische ^oMheit und Vergewaltigungssucht bedeutet. Nnd in den feindlichen Ländern sollten die Juden sich wenigstens soweit besinnen, daß sie im Interesse des notwendigen Staatswchens den Giftbecher, den ihnen ihr VaterlaM reicht, wie Sokrates in schweigender j)flickKerfüllung leeren. Nicht weniger als ein .Deutscher, nicht nur ein Deutschs sondern mehr als ein Deutscher, ein deEfcher Jude, so muß es heißen, und entsprechend überall in allen Nationen.

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