Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 77 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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- Seesen 1× ep/1048106
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- M. Heule: Bemerkungen zum Gesang im Hamburger Tempel 7^ Die Vorbeter, die meistens vom Osten her nach Deutschland kamen, gefielen sich im Stimmxrotzentum und in Künsteleien: manche von ihnen reisten umher, um sich in Gastvorstellungen hören zu lassen und machten so aus dem Gottesdienst eine Konzertvorstellung. - Eine solche Verirrung in dem. musikalischen Gottesdienste, die teilweise noch in unsere Tage hineinreicht, konnte mit der in Hamburg angestrebten Feierlichkeit und Ordnuna in der Gottesverehrung nicht vereinigt werden. Aber ein Vorbild für eine musikalische Neuordnung im Synagogengesang war für den Tempel noch nicht vorhanden, daher machte man eine Anleihe bei den: kirchlichen Thoralgesang, um ihn in den jüdischen Gottesdienst zu verpflanzen. - Das deutsche tied mit Grgelbegleitung hatte freilich seinen Ausgangspunkt nicht im Hamburger Tempel, schon \S05 wurden in Seesen, \8\5 in Berlin und l,8s6 in Tassel und Frankflirt a. M. solche wieder bei jüdischen Andachten gesungen. An sich kann der Thoralgesang auch nicht als unjüdisch bezeichnet werden, denn unsere traditionellen Melodien enthalten bereits eine Anzahl von Thoralgesangen, wie moos zur, ledovid boruch, eli zijon und manche andere, aber der ausschließliche Thoralgesang, wie er für den Tempel ursprünglich geplant war und lange 'Zeit auch gehandhabt wurde, mußte das jüdische-Gepräge dieses Gottesdienstes beeinträchtigen, so daß wohl mit einem gewissen Recht der damalige Tempelgottesdienst als protestantisch bezeichnet werden konnte, weil die musikalische Gestaltung der hebräischen Gebete außer Acht gelassen worden ist. In den vorl>andenen schriftlichen Verhandlungen ist kein Hinweis auf eine Vorberatung über die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes zu finden. Man hatte ursprünglich einen liturgischen Gesang anscheinend gar nicht in Betracht gezogen, denn die Anstellung eines Vorbeters im Hamburger Tempel wurde nicht in Aussicht genominen und die beiden Prediger sollten abwechslungsweise die Gebete vortragen. Erst am 3. Oktober ^8^3 — also vlcujc vor der Einweihung des Gotteshauses — wurde aus unbekannten Gründen der portugiesische Lhasan, David Meldola. als Vorbeter angestellt. Die Linführuna des deutscher: Liedes mii Grgelbegleitung hätte den nicht zu unter' schätzenden vorteil. Daß dadurch einerseits die Gemeinde sich geordneterweise an dem Gottesdienste beteiligen konnte, andererseits trugen die deutschen Texte zu größeren: Verständnis der gottesdienstlichen Handlung bei. Darum hatte der deutsche Thoralgesang auch in anderen liberalen Synagogen Eingang gefunden, wenn auch nicht in der Ausschließlichkeit! und in den: Ncbermaß, wie er für der: Hamburger Tempel vorgesehen war. Daß der hebräische Gesang im Ternpel lange Zeit sich mcht aufwärts entwickeln konnte, lag in der Disposition der Verwaltung, die für den Gottesdienst wohl zwei Prediger aber nur einen Vorbeter angestellt batte, und auch dieser Vorbeter, der fast 40 Jahre im Amte war, hatte weder genügende Fachbildung, noch konnte er initiativen Einfluß aufdie Ausgestaltung des musikalischen Gottesdienstes ausüben, urn den liturgischen Gesang in: Tempel in Bahner: zu leiten, die in anderen fortschrittlichen Gottesdiensteinrichtungen bereits zu einer angerr:essenen Höhe geführt hatten. Der Harnburger Tempel hat wohl für die Reformation des jüdischen Gottesdienstes einen wirkungsvollen Anstoß gegeben, aber in feiner musikalischen Gestaltung ist er viele Jahre hinter den meisten nach ihn: entstandenen liberalen GoLLesdiensteinrichtunaen zurückgeblieben, weil ihn: die Kräfte für den Ausbau derselben fehlten. Die gerüaler: Vorarbeiten, welche Altmeister Snlzer in JPicii schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts für den rituellen Gesang in: jüdischen Gottesharrs geboten hatte, gingen fast spurlos an: Hamburger Tempel vorüber. Wohl fühlte n:an die Unzulänglichkeit des Knabenchors mit seinen: Lhoratgesang, und häufige Klagen und Verbesserungsvorschlage für die Hebung des musikalischen <!.eils des Gottesdienstes führten nur zu einigen -mehrstimmigen Gesängen bei der Totenfeier oder bei einigen festlichen Gelegenheiten. Mit der Anstellung eines portugiesischen Vorbeters wurden neben der portugiesischen Aussprache des Hebräischen auch die portugiesischen Ulclodien in: Ternpel heimisch und verursachten auch dcnnit eine Eigenart, an welcher die Verwaltung und Die Mitglieder mit Konsequenz festgehalten haben.