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Liberales Judentum · 1918-09-01 · Heft 9-10 (September 1918) · p. Seite 70

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 9-10 (September 1918)
Date
1918-09-01
Page
Seite 70 (sequence 6)
Language
German
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70 IDr. Seligmann: Zur Entstehungsgeschichte des Hamburger Tempels fatze5) ausgesprochen: „Der Tempel ist unstreitig das wichtigste ZIToment in der Kulturgeschichte des Judentums. Tr ist eine lebendige Manifestation von religiösen Ideen, die noch ihrer Zlussprache harren." Selbst Graetz, der ein entschiedener *) Israelitische Annalen 1841, Nr. 45 und 4?. Gegner des Tempels und seiner Prediger gewesen ist, muß doch die Lwigkeitsbedeutnng des Tempels unumwunden zugestehen?) Tine gerechte Geschichtsschreibung wird die Neuzeitgeschichte des Judentums mit der Gründung des Hamburger Tempels beginnen. Graetz Geschichte der Juden XI (2. Auffages S.378 Zur Gnfftehungsgefchichte des Hamburger Tempels. Von Rabbiner Dr. Seligmann-Fraulrsurt a. M. > orüber war die Napoleonische Kriegszeit. Nach den erschütternden Kriegsunruhen war der Frieden endlich wieder eingekehrt und mit ihm ein neuer Geist, der die auflösenden Bestrebungen der Aufklärungszeit überwunden hatte. Auch innerhalb des Judentums sehnte man sich nach religiöser Erneuerung. Diese ging von keinem Rabbiner, sondern von einem begeisterten und tatkräftigen Rlann aus dem Volke aus, dessen Verdienste um das neuere Judentum von einer einseitig befangenen Geschichtsschreibung herabgesetzt wurden und dessen Bild von seinen Gegnern entstellt und verzerrt worden ist. Der Schöpfer der gottesdienstlichen Reform in Deutschland war der von glühender Begeisterung für das Judentum erfüllte, opferfreudige und selbstlose Israel Jacobson, kein Rlann von großem theologischen! Wissen und tiefer Allgemeinbildung, dafür aber ein Rlann der Tat, ein Organisator voll zielbewußter Klugheit, ein hinreißender Redner, ein edler, großzügiger Jude, der mit einem persönlichen Opfer von niehr als 300 000 Mark eine Schule zu Seesen für arme jüdische Kinder gründete. Mit dieser Schule, war ein Betsaal verbunden. Dieser aber genügte dein Stifter nicht und er ließ — wiederum aus eigenen Mitteln — in Seesen einen schönen „T e m p e l" errichten und ihn — etwas Unerhörtes bis dahin — mit einer Orgel versehen. Die Einweihung dieses Tempelsin welchem er "selbst predigte und in welchem deutsche Gebete und Gesänge zum erstenrnal erschollen, war. ein Ereignis. . Im Jahre Zog Israel Jacobson nach Berlin und richtete dort einen j?rivatgottesdienst in seinen! lZanse ein. Der Boden war in Berlin für die Reforrn des Gottesdienstes so günstig wie nur möglich. Der alte Gottesdienst in der Synagoge hatte für die gebildeten Juden alle Anziehungskraft verloren. „Tr gewährte," sagt der Geschichtsschreiber Jost, der aus der alten Synagoge hervorgegangen war, „keine Andacht^ keine Augenweide, keine Berzenslabung; die Gebräuche starr, die Töne betäubend, das Gebet kalt, herzlos, leere Gewohnheit, der Anblick 'betrübend." Und der neueste Geschichtsschreiber des jüdischen Gottesdienstes, Llbsgen, schreibt: „Von der gewaltigen Veränderung im Loben und Denken der Juden konnte der Gottesdienst nicht unberührt bleiben. Seine Formen entsprachen nicht mehr den Anforderungen der neuen Zeit, Auge und Ohr fühlten sich in gleicher weise abgestoßen/Verstand und Gemüt blieben unbefriedigt und kalt. Gar viele unter den Gebildeten vernichten hinter den! wenig ansprechenden Aeußern den wertvollen Sinn nicht n!ehr zu erkennen und gingen der Synagoge verloren, auch wenn sie sich nicht von ihren! Bekenntnisse lossagten." Die Räume des Iacobsonschen tZauses wurden bald zu klein für die Zahl derer, die von dem neuen Gottesdienste angezogen wurden. Daruin errichtete der verrnögende Jakob Beer, Vater des Komponisten Rleycrbeer, einen großen Saal in feinem Gause ein für den inuner weitere Kreise gewinnenden Gottesdienst. Der Mittelpunkt des ^!enen Gottesdienstes war die predigt. Außer Jacobson predigten Dr. Eduard Kley, Günsburg, I. £. Auerbach und später Leopold Z u n z, lauter begabte junge Männer, die danials ihre Universitätsftudien abgeschlossen hatten und von Jacobson herangezogen wurden. Der Gottesdienst selbst verließ den historischen Boden nicht sehr; nur

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