Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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H Dr-Rieger: Die BedeuLrmg des Hamburger Tempels f. d. Geschichte d.Muzeiil. Judentums 69 r?altsma der ritualen Einrichtungen die gottesdienstliche Belehrung der Gemeinde durch die predigt und die religiöse Erziehung der fugend zur Aufgabe macht. ' Die Predigt war der versuch, das erstorbene Interesse am Judentum zu wecken, die ATehr^lhl der Gemeinde, die nicht mehr imstande war, die hebräischen Quellen selbst zu befragen, im Zusammenhang mit der alten Lehre, zu erhalten. Die predigt war nicht ein Eindringling, der die alte tehre in ihrem Rechte beeinträchtigen „und den vollen Ernst und Len Gedankenreichtum der urfüdischen Lehre verdrängen" wollte.-) Sie trat vielmehr in der Zeit auf den plan, als dieses atze Judentum ^bereits alle werbekrast verlören und nur noch eine kleine absterbende Anhängerschaft hatte. Sie verdrängte die ,^rrzudische" Lehre nicht, sondern trat in die Lücke ein, die der versagende Rabbinismus, der bereits feit einem Älenschenalter cilles Ansehen verlören, gelassen hatte. Ebensowenig haben die Prediger die alten Rabbiner aus ihren Rabbinersitzen verbrämst. Die alten talmudischen Lehrhäuser waren bereits eingegangen oder dem Eingehen nahe. Da trat die predigt als erste Helferin in die Bresche ein, bis die Wissenschaft vom -Judentum vollwertigen Ersatz zu schaffen imstande war. 3. Der Hamburger Tempel hat eben nicht nur die sogenannten Reformgenreinden, sondern alle 'Genreinden der Kulturländer in edelster Werfe beeinflußt, in denen fast ausnahmslos der geordnete Gottesdienst, die regelmäßige predigt in der reinen Landessprache und, die Fürsorge für die religiöse Erziehung der Jugend zur Einführung gelangt sind. Die Neugestaltung des Gottesdienstes 'durch den Hamburger Tempel ist wiederholt als eine nur ästhetische verurteilt worden, selbst wenn dieses Urteil richtig wäre, so würde es die Bedeuttrng des Lempels für die Neugeburt des religiösen Gebens nicht beeinflussen. Denn ein in feinen Fornren würdeloser Gottesdienst beleidigt nicht nur Auge und Ohr, sondern verletzt auch Gemüt und verstand. Eine leichtfertige Geschichtsschreibung Hai die Iudentaufen am Ausgang des Vraetz, Geschichte der Juden H (2. Auflage) L. Z7S. l.S. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts als eine Folge der Rrngrstaltung des Gottesdienstes hinzustellen guvagt und dabei die schlichte Tatsache außrr Acht gelassen, daß diese Umgestaltung erst einsetzte, als der Zersetzungsprozeß im IuLenttun bereits gefahrdrohenden Umfang erreicht hatte. Die falsch angeschuldigte „Refourr" ist zu einem guten Leile als Gegenkraft grgen den Abfall zu betrachten. Sie ist als cme durchaus konservative Uiaßregel zu baWeifen. Sie war eine erhaltende Tat, der srste Versuch, das wankend gewordene Gefügr des europäischen Judentums zu festigen. Der neue Gottesdienst des Tempels wirkte vorbildlich. Diu Begründung eines Zweigaottesdienstes m Leipzig zeigte den Uiefsebefuchern aus Een Teilen Europas zum erste?: Rlale die Schönheit und die würde eines geordneten Gottrsdienstes. In präg, Utagdeburg und Vraw? schweig wurden bereits ISIS gottesdienstliche Verbesserungen eingeführt?) Breslau, Königsberg, Wien und Dresden folgten ihreM Beispiele. Zlmerikanische Gemeinde?', wie Die zu New^ork^ Balti-?nore und Tharleston Mhrten das Gebet- und Gesangbuch des Tempcks ein. „Ohne das Eingreifen des Hamburger Ternpels wäre die AKe??er Gottesdienstordnung nicht entsta??de??, ohne sie nicht die zahlreichen versuche in Deutschland und Amerika während der letzten dreißig Jahre (von (8^0 bis (870), die sich immer noch selbständig fortsetzen." * *) , <lber auch in den sogenannten orthodoxen Ge,??einden wirkte der Tempel vorbildlich. Die Veredelung der gottesdienstlichen Formen, die Abschaffu??g zahlreicher Entartungen i?n füdische?r Gottesdienste, die Einrichtung geschulter Thöre gebt fast überall auf die Anregu?'.gen des Ha?nburger Ternpels zurück. Der IS. Oktober W3, bie Iahrhurrdertfeier des Ternpels, rrrLßte also von aller? Juden der Kulturerde ckks Jubelfest begangen werden. Bereits im Juhre (8-ll hak Holdhei?n ir? einern für die gerechte Beurteilung des Terrrpels auch foH bedeutsamen dlus- J) Bellermanns GutachLn vom II. November 1k 18 Lei Ludrvig Geiger, Geschichte der Juden in Berlin II 224. *) Abraham Geiger, Pb» zu einem neuen Gebetbuche nebst Begründungen, DrMau 1870, S. 2.