Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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68 Dr. Rieger: Die Bedeutung des Hamburger Tempels f. d. Geschichte d.neuzeitl. Judentums H Die Bedeutung des Hamburger Tempels für die Gefchichte des neuzeitlichen Judentums. Lvn Lmid-srabbiner Dr. Rieg-r-Drannschweig. ie gewaltige Aufgabe, die dem Judentum nach der Vernichtung seiner staatlichen Selbständigkeit gestellt war, bestand in seiner Umgestaltung aus einer Nation in eine Religion nüt nationalen Hoffnungen. An die Stelle der verlorenen Güter traten ihre Ideen. Die Werte der Vergangenheit wurden Zukunstsideale. Das Judentum war die Religion der nationalen träume geworden. Solange die Juden in Knechtsgestalt über die Erde gingen, waren diese Träume durch ihre Entrechtung gerechtfertigt. . Diese Sehnsucht war aber in' dem Augenblick ein leeres ^uftgespinft, in welchem den Juden Rtenschenrecht und Gleichberechtigung eingeräumt waren. ' In dieser schicksalsschweren Stunde begann die dritte Periode der jüdischen Geschichte, die endgültige Umgestaltung des Iudentums in eine Religion. Die gedankliche Urndeutung seiner Zukunftshoffnungen, die Umbildung seiner nationalen werte in weltbürgerliche, die Vergeistigung seiner Sinnbilder, die Ausmerzung fremder Beisätze, kurz, .eine sichtende Prüfung seiner gesamten Gedankenwelt war nötig,' um diese Umbildung des Judentums aus einem pseudonationalen Gebilde in eine reine Religion zu ermöglichen. Di -.- Neugestaltung bedeutete aber nichts Gering r als eine Rückkehr zum lauteren Indem uu der Propheten. Nach langen Irrfahrten sollte das Judentum den Anschluß an seine größte Zeit wiedergew'nmen. Die ersten Versuche dieser Neugestaltung wurden.durch unglückselige Zusammenhänge vereitelt. In Hamburg wurden sie trotz aller Gegenarbeit durchgeführt und dadurch in Deutschland heimatberechtigt. Der leitende Gedanke dieser Neugestaltung bedeutete eine völlige Umwälzung. Alle bisherigen Umgestaltungen, auch die folgenschwerste: die der Karäer, gingen von dem Buchstaben der heiligen Schrift aus; der umwälzende neue.Gedanke der Umbildung im 0. Jahrhundert war die Ueberwindung des Buchstabens: an die Stelle des Wortes, trat der Geist. Uiit vollem Bewußtsein wurde an die Stelle des Schriftwortes seine geistige Erfassung gesetzt. Die Gefahr lag nur allzu nahe, dag vre persönliche Willkür nunmehr alle Bindungen des alten festen Gefüges gewissenlos sprengte. Das aber war die gewaltige Leistung des Hamburger Tempels, sogleich im Anbeginn der neuen Zeit die Grundsätze feftznlegen, ^welche die persönliche Willkür ausschalteten und der neuen Auffassung vom Judentum und dadurch seiner Neugeburt die gesunde Entwicklung sicherten. h Die Schöpfer des Hamburger Tempels haben mit geschichtlichem Scharfblick anstatt der willkürlichen ungeschichtlichen Reformversuche des jüdischen Kultus den Gedanken der geschichtlichen Weiterbildung unter Wahrung der gegebenen Zusammenhänge zielsicher festgehalten und so der gottesdienstlichen Neugestaltung des Judentums von Anfang an die rechten Wege gewiesen. „wir unterscheiden," so sagte einer der fähigsten Ulitarbeiter am Ausbau des Hamburger Tempels, Dr. Rlaimon Frankel, „in der israelitischen Religion Geist von knülle, Wesen von Forin, Bleibendes von Vorgang, lichem, das Ewige in derselben von seiner zeitlichen Erscheinung."l) Und diesen Geist, dieses Wesen,, dieses Bleibende, dieses Ewige im Judentum hat der Tempel nicht angetastet. Seine Vertreter suchten daher die Rechtfertigung ihrer Neuerungen nicht in den Zeitverhältnissen und Zeitbedürfnisseu, sondern im rabbinischen Schrifttum. Der Tempel und sein Gebetbuch sollten keinen Bruch nüt der Vergangenheit bedeuten, sondern sich organisch in die Entwicklungsgeschichte des Judentums einreihen und nur eine Weiterbildung des altüberkommenen Rituals darstellen. Damit waren alle Entgleisungen der späteren Reform sachlich abgelehnt. 2. Im Hamburger Tempel tritt an die Stelle des ^ehrhauses und des Rabbiners die Kanzel und der Kanzelredner. Der alte Rabbinerstand, der in der Erhaltung der Ri tualien seine einzige Aufgabe gesehen und den Zusanunenhang nüt der Gemeinde fast völlig verloren hatte, 'wird durch den neuzeitlichen Rabbinerstand ersetzt, der sich neben der Er- *) Theologische Gutachten. Hamburg l442, 2. 29.