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Liberales Judentum · 1918-09-01 · Heft 9-10 (September 1918) · p. Seite 67

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 9-10 (September 1918)
Date
1918-09-01
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
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Dr. Seligmaiin: Dem Hamburger Tempel zu seinem hunderijW-igen Jubiläum 67 doxen Rabbiner gewählt, der sich in bewußtem Gegensatz zu dem bildungs- und entwicklungsfeindlichen 7llt-Rabbinismus nicht „Rabbiner" sondern „Chacham" nennt und in Talar, Barett und Väffchen hochdeutsche predigten halt! Der neue Geist des Tempels aber hat. sich die Synagogen der größten jüdischen' Gemeinden in und außerhalb Deutschlands erobert. Irr Leipzig, der Zentrale Deutschlands, wo sich zur Zeit der Messen zahllose Juden aus deutschen und österreichischen Ländern versammelten, wurde von Mitgliedern des Hamburger Tempels im Jahre \320 ein genau dem Hamburger Tempelgottesdienst e,ttsxrechender Filialgottesdienst für die Zeit der zwei Gauptmessen, in welche die jüdischen Gauptferertage fielen, eröffnet. Der leipziger Gottesdienst wurde als Ereignis angesehen. Die ans «Herr Gegenden und Gemeinden zusammenströmenden Juden begeisterten sich für den neuen Gottesdienst und wurden durch ihn zu Aposteln für die gleiche Reform in ihren Lieünakgemeinden. In drei Generationen vollzog sich die Umwaudbmg, die am charakteristischsten vielleicht in drei berühmten Repräsentanten derselben Familie, Großvater, Vater und John sich offenbart, in: Raphael Loben, Oberrabbrner der drei Gemeinden Altona, Hamburg, Wandsbeck, Tazar Rieß er, seinem Schwiegersohn und G a b r. Rießer, dem Enkel Raphael Cohen tat in den neunziger Jahren des j8. Jahrhunderts den Altonaer Gauslehrer N. Bantberger, .der die Rinder der reicheren Glaubensgenossen in Deutsch, - Französisch und Englisch unterrichtete, bei einem unbedeutenden rituellen Atrlaß in Bann und ließ den alten Mann als Büßer im Sterbegewand eine lange Winternacht hindurch mit "bloßen Füßen auf den eiskalten Aiarmorstufen der Altonaer Synagoge Buße tun.?5azar Rießer versaßt aus 7lnlaß des Hamburger Tempelstreits im Jahre \S\<) ein „Sendschreiben an meitte Glaubensgenossen in Hamburg", in welchem er scharf gegen die Rachfolger Raphael Cohens, die Hamburger Rabbinatsverweser, anftritt, welche „die Zwietracht, in Israel nähren und den Söhnen, welche Air Huld des Vaters zurückkehren wollen, Den Weg versperren". Nnd Gabriel Rie ßer veranlaßt im Jahre IßQ, als Rlitglied dar Lempeldirektion, die Einforderung von Gutachten liberaler Rabbiner für das. Tempelasbetbuch, infolgedessen in der Tat die Rabbiner der Großgemeinden Deutschlands und Oesterreichs für den Tempel eintraten! Welcher vMfchwung in fünfundvierzig Jahren! Aber immer noch Dauert der unterirdische Kampf gegen den Tempel an. Das Breslauer Seminar verbietet seinen Schülern, als Rabbiner nach Hamburg zu gehen und droht ihnen mit Entzichung oder Verweigerung der rabbimfchen Ordination. -Aber das hindert nicht, daß ein auf dem Standpunkt des orthodoxen Seminars stehender Rabbiner, der spater viele Jahre hindurch eine HauptsärLe der deutschen Orthodoxie rvar, sich um die prcZigcrftcllc am Hamburger Tempel bewirbt. Sein Nanre ist Adolph S a l v e n d i. Das Originalschreiben befindet sich im Archiv des Tempels. Ob der Tempel in den hundert Jahren seines Bestehens immer auf der Höhe seiner geschichtlichen Dlnfgabe stand, ob er sich in jeder Phase seiner EntMicklnng seiner histori-, schen Bedeutung bewußt blieb — ich will es hier nicht untersuchen, Abraham Geiger war der Tempel nicht konsequent genug. In diesen Blättern erhebt sich heute wieder eine ernste und beachtenswerte Stimme, die die neueste Entwicklung des Tempels schmerzlich empfindet. Aber für diesen Iubiläunrsgruß sind trübe, unerbauliche Betrachtungen nicht am Platze. Der Tempel rmed seinen Weg finden. Er hat in hundert Jahren seines Bestandes die Kraft echten Gebens bewährt. Dis fieberhaften Pulse leldemschaftlicher Kämpfe sind ruhiger geworden. Don Niemand mehr bestritten, hat er sich dnrchaesetzt, und sausende von Töchtersynagogen diesseits und jenseits des Ozean, die Geist von seinem Geiste sind, grüßen zum P. Oktober hinüber zur schönen Hansastadt, Dankbar der hundeftjährigen Muttergemeinde huldigend. .

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