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Liberales Judentum · 1918-09-01 · Heft 9-10 (September 1918) · p. Seite 66

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 9-10 (September 1918)
Date
1918-09-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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v6 Dr. Seligmann: Dem Hainburger Tempel zu seinem hundertjährigen Jubiläum gäbe an ihre Idee. Rein Staat, keine Steuerbehörde legte ihnen einen gesetzlichen Zwang auf, kein König verlieh ihnen Orden und Titel. Aus der kiebe ihres Herzens zu der Väter Religion brachten sie, frei dem idealen Trieb ihrer Seele gehorchend, diese geradezu erstaunlichen, unsere Zeit beschämenden Opfer an Geld und persönlicher Eingebung. Nach dem ersten Iomkixpur-Gottesdienst vor \00 fahren schrieb ZIT. 3. Bresselau, der die Seele des Tempels und ihr erster Präses war, mit riefer Ergriffenheit in das sonst so sachlich trockene protokollbuch: „Die Feier des Versöhnungstages hat die Erwartung aller über- .troffen, es herrschte unausgesetzt die tiefste. Andacht, und Jeder ging ctm Abend innigst erbaut . aus dem Tempel, nur eine ' allgemeine Stimme herrschte, daß dieser Tempel blühen und gedeihen möge zum Segen für uns und unsere spätesten Enkel." . vom Hamburger Tempel ist die Erneuerung des jüdischen Gottesdienstes für die Indenheit aller Länder der Erde ausgegangen. Dieser Gottesdienst hat sich durchgesetzt trotz Bannsprüchen und Verketzerung und l^at die Orthodoxie selber zu Neuerungen bekehrt, die kurz vorher noch als Abweichungen von der Väter Sitte verpönt und verdammt waren. welche verzweifelten Anstrengungen wurden gemacht, mn den neuen Geist, der in Israels Gotteshält fern anschauliche Gestalt annahm, zu unterdrücken! Der ganze Seerbann des sterbenden Altrabbinismns wird gegen den Tempel aufgeboten. Zln sämtliche großen ZTabbinate in Deutschland, j)olen, Frankreich, Italien, Böhmen, ZTlähren und Ungarn ergeht vonseiten der Hamburger Dajonim stürnnsche Zlufforderung, den neuen Tenipel mit seinen deutschen Gesängen, seiner Orgel, seiner Neuordnung der Gebete zu verbieten. „beider haben Irreligiosität und Freigeisterei llnter uns zngenolinnen. Die heiligsten Gebote des schriftlichen und überlieferten Gesetzes wurden verhöhnt und mit Füßen getreten; und mein scheut sich nicht, die verwerflichsten Wandlungen gegen unsere heilige ^ehre zu begehen. Schon hat man angefangen unfern heiligen Gottesdienst, der uns von den göttlichen ZNännern, ATitgliedern der großen Synode und unsern weisen Talmudisten überliefert wurde, öffentlich anzutasten. Zlnter dem Zcamen „Der neue Tempelverein" hat sich eine Gesellschaft in unsrer Gemeinde gebildet, die aber Gottlob nur aus wenigen Individuen besteht, in der Absicht, eine neue Ordnung des Gottesdienstes unter sich einzuführen. ZTiit rascher Betriebsamkeit wurde ein sogenannter Tempel für den neuen Gottesdienst eingerichtet, und es erschien ein Gebetbuch, das den Unwillen eines jeden, der Gottesfurcht im Kerzen hat, erregen mußte. ZNit mutwilliger Vermessenheit verstümm.lten die Verfasser einen großen Lei! unserer uralten geheiligten Gebete und Tobsxrüche, mehrere neue nicht autorisierte Gebete und Gesänge sind hinzugetan. Dieses RTachwerc war nur das Vorspiel mehrerer gesetzwidrigen Handlungen^ die im gedachten Tempel ansgeübt wurden. Schon bei der Einweihung desselben sangen UTänner und Frauen zusammen. Die Grgel-Begleitung am- Sabbat ist trotz unseres Ausspruchs eingeführt. Das Buch Esther wurde pmim - Abends in deutscher Sprache vorgelesen. Kurz, alles was nur der unverzeihlichste Leichtsinn, mit Unwissenheit gepaart, einzugeben vermag, wird hier mit einer beispiellosen Verachtung der Worte unserer weisen öffentlich ausgeübt." Einundzwanzig berühmte alte Rabbiner verdammen, zumeist mit heftig sch.nähenden Worten „die sündige Frechheit" des neuen Geistes und wenden sich beschwörend gegen „die Pest der Freigeisterei und des Unglaubens". Der mährische Oberrabbiner Etteser von Trietsch gibt den ZTat: „Gehet flehend hin zu euerem hochweisen Senat und bittet eure Obrigkeit, daß sie den Zlrm der Frevler lähmen möge." Don je war der Orthodoxie kein Rlittel schlecht genug, uni das Nene anfzuhalten. - . Aber werfet euch nur dem neuen Geist entgegen! Rufet die Staatsgewalt zu Hilfe, um den Geist der Geschichte aufzuhalten! verbietet dem dichte zu tagen, wenn die Nacht vorüber ist! Haltet den Strom auf, wenn cr zu Tale niederrauscht. Ueber die Dämme und wehre bahnt er sich seinen Zveg und reißt Damm und wehr mit sich in die Tiefe. Der Hamburger Tempelstreit war die letzte Kraftprobe des alten Rabbimsmus gegen den neuen Geist. Seitdem ist die romantische Neu-Orthodorie, allmählich werdend, an die Stelle des sterbenden Altrabbinismns getreten. In Hamburg selbst wurde der gelehrte Rlystiker Isaak Bernays zum ortho-

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