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Liberales Judentum · 1918-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1918) · p. Seite 51

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1918)
Date
1918-07-01
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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Dr. phil. Fritz Wachsner: Religiöse Ehrlichkckt M swer hätte ähnliche bedauerliche Vorkommnisse nicht schon erlebt und derartige Antworten erhalten, die die Auffassung vieler verantwortlicher Männer im Judentum , nur zu treffend kennzeichnen! Statt offen seine und feiner zahllösen Wähler religiöse Ueberzeugung zu bekunden und seine Person für die als gut erkannte Sache kraftvoll einzusetzen, furchtet, man anzustoßen, und zwar nicht etwa bloß, bei seinen Gegnern, sondern, und das sogar mit einer gewissen Berechtigung, bei den eigenen Gesinnungsgenossen. .Denn diese mes-. sen erfahrungsgemäß vielfach mit zwiefachen! Maß und verlangen eben von einem Gemeindevertreter die Inne Haltung von Gebräubräuchen, deren Beachtung sie für ihre Person einfach als abgeschmackt empfinden wür- - den. Hier ist Unehrli-chkeit zur Gewohnheit geworden, die die Achtung vor sich selbst und - der Gemeinschaft in gleicher weise herabdrückt. Geradezu verhängnisvoll' kann aber dieser widernatürliche Gegensatz zwischen den Pflichten, die die Gemeinde sich selbst und ihrem Beauftragten auferlegt, .für.die Aufrecbtsrhaltung eines reinen Verhältnisses des Rabbiners zu seinen irdischen und himmlischen Verpflichtungen werden. Oft ist die ganze Gemeinde streng liberal, was man beispielsweise in der Großstadt daran erkermen kann, daß an den Sabbathcn regelmäßigeine große Anzahl Autos vor den Synagogen vorfährt. Allein der Rabbiner, ein würdiger Greis, dessen Wohnung am andern Ende der Stadt liegt, dürfte es auch bei ungünstiger Witterung schwerlich wagen, zum Gottesdienst zu fahren. Dabei ist er vielleicht fest davon überzeugt, daß der Rutscher, der es ihm ermöglicht, ohne Gefährdung seiner Gesundheit die Svnagoge zu erreichen und daselbst in angemessener Stimmung seines Amtes zu walten, ein gottgefälliges Werk tut! Rach Ansicht der Heiligei! Schrift sollen wir alle ein Volk von Priestern bilden, wir. alle müßten die gleichen Vorschriften befolgen, die wir dem Rabbiner auferlegen. Die Mehrzahl unserer Rabbiner steht modernen Anschauungen keineswegs fern,, allein wer sich erkühnt, sie zu bekunden, wer eigenen Ideen Lingang zu verschaffen sucht, hat die schliininsteu Folgen zu gewärtigen. Soll doch vor einigen Jahren .ein unliebsamer Rabbiner vorn Vorstand seiner großen Gemeinde dahin beschieden worden seni, er stehe bei ih» „in Lohn und und habe sich in alleu Dingen ihm zu fi'ia;n. wenngleich damals ckn sachliches Linschrei- Leu des Vorstandes mcfficicbt berechtigt gewesen wäre, so bedeutete doch der angeführte Ausspruch einen gewaltigen Irrtum, der aeeianet ist, das geringe reLgiöse Verftändnis"einer für das geistliche WM von Tausenden verantwortlichen Körperhaft grell zu beleuchten. Die Gemeinde besitzt zwar die Lbrenxflicht, den Rabbiner zr. besolden, allein über seine Amtsführung schsl-det er in erster Linie seinem Gotte Rechenschaft, in dessen Namen er' wie die Propheten vn Altertum zur Gemeinde spricht, und keine Macht d^er Lrde darf sicb vermessen, gegen ihn als Gewissensrichter aufzutreten. Ls. kann ja gelegentlich Vorkommen, daß ein Rabbiner einer braven Gemeinde Anschauungen vorträgt, die ihr nicht Zusagen. Daum hat man aber andere Mittel, als den bewußten Gewissenszwang, ihn in.einen -andern Wirkungskreis hinüberzuleiten, der sci«n wohlmeinenden Bestrebungen mehr entgcgenkommt. 6at man denn gar kein Verständnis dafür, wie man dasgeistliche Amt entweiht, indenr man feine Träger zu schlechten Schauspielern herabwürdigt Die Reihe der Beispiele von bedauerlichem Mangel religiös« 2lufrichtigkeit ließe sich schier ins UnernieWche fortsetzen, allein cs ist zwecklos, über dw Schlechtigkeit der Welt zu klagen, lehrt doch das Judentum, daß der Mensch dazu da ist, sie besser zu machen. Das will auch dLefe Zeitung, in der sich fortgesetzt Stimmen erheben, die" zur Linkehr und Umkehr mahwen. Allein, so willmir scheinen, man redet vielfach über die Köpfe des Volkes hinweg,- dem mit gelehrten 2lbhandlungen nicht sSer doch wenig gedient ist. Stets sollen däe Mängel beherzt aufgedeckt werden, aber Hrer Offenbarung sollen immer sogleich Vorschläge zu ihrer Abstellung folgen. Lin solcher sei hier angeführt : Kleines Trachtens H die religiöse llnehrlichkeit, die wir mit alHeu zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen müsse!!, nur eine Folge der in allen Schichten der jüdischen Bevölkerung übergroßen UnWissenheit: „ko am haare z chassid“, wer den Ursprung und die Geschichte der religiösen Vorschriften und Gebräuche nicht kennt, kann zu aufrichtiger Frömmigkeit nicht Vordringen. Die religionsge-

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