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Liberales Judentum · 1918-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1918) · p. Seite 50

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1918)
Date
1918-07-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 Dr. phil. 'Fritz Wachsner: Religiöse Ehrlichkeit nis sicherlich nicht. Noch beute müssen wir von einem ehrlichen Menschen verlangen, daß er nirgends bei gefühlsmäßigen Vorurteilen sieben bleibt, sondern sich erst dann seinen Gefühlen ganz hingibt, wenn ihm eine ernstliche Prüfung durch den Verstand deren Berechtigung erwiesen hat. Die Gefahr, von der Religion-zur Mystik, zum krassen Aberglaubcn abzugleiten, ist, wie die Geschichte beweist, für den Juden besonders groß, da sein reiner 'Glaube nur ganz wenig Begriffe aufweist, die dem menschlichen Denkvermögen dauernd unzugänglich bleiben. Vierin. aber liegt gerade die Stärke des Judentums, die ihm sein Bestehen in alle Ewigkeit gewährleistet/daß es sich nicht zu den Naturgesetzen in Gegensatz stellt,* sondern in der erfreulichen Lage ist, mit dern Fortschreiten der Erkenntnis Schritt zu halten, ohne von seinen grund- - legenden Lehren das mindeste aufgeben zu müssen. '. ' Mir also müssen schon von federn, der auf den Ehrennamen eines Juden Anspruch erbebt, verlangen, daß er sich jederzeit bereit hält, vor Gott oder vor seinem Gewissen über sein religiöses Empfinden Rechenschaft abzulegen, auch von denen, die dern Alten als „Orthodoxe" enger verbunden sind, als . wir. Es fällt uns natürlich nicht ein, gegen die Orthodoxie irn allgemeiner! zu Felde zu ziehen, allein das Wort orthodox körmte doch wohl zu häßlichen Mißverständnissen Anlaß geben,. heißt es doch übersetzt soviel wie: „richtig glaubend", 'wer von vornherein von der Richtigkeit und der urrübertrefflicherr Kraft seiner Religionsübungen so durchdrungen ist, daß er es wagen darf, jedwede Erörterung für überflüssig zu halten, der muß mit wahrhaft übermenschlichen Fähigkeiten vom cherrn ansgestattet sein. Ein unfehlbares Papsttum dürfen wir bei uns nicht anerkennen, fühlen wir uns doch alle als Brüder unserm Vater gleich nahe. Nun hat man ja versucht, den bösen Ausdruck orthodox mit > „gesetzestreu" wiederzugeben, aber richtig scheint uns diese Verdeutschung nicht gerade. Gesetzestreu sind wir Liberale doch auch, da ja die Gegensätze zwischen beiden Richtungen zum größten Geil erst bei der Würdigung solcher Gebräuche ■ einsetzen, die dem ursprünglichen Judentum noch fremd, vielfach erst in nachbiblischer Zeit in Erscheinung traten. Zudem aber ist zu berücksichtigen, daß aus Gründen, die das Lhema zu einer besonderen Arbeit bilden könnten, der strenggläubigen Partei eine Unzahl verständnisloser Mitläufer angehört, die aus reiner Trägheit am Alten festhalten und die Gebräuche über sich ergehen lassen, anstatt sich in freiwilliger Tätigkeit an ihnen zu erbauen. wer vom innigen Gefühl getrieben zu der verstandesgemäßen Einsicht kommt, daß ihm nur eine religiöse Betätigung im Sinne der alten Richtung Befriedigung .gewahren kann, der steht in unserer Achtung vielmals hoher, als etwa ein sogenannter „2lufgeklärter", der aus Gleichgiltigkeit den Namen des. Liberalismus mißbraucht. £jier gehen also die.Interessen, des Liberalismus mit denen der Orthodoxie durchaus den gleichen weg, beide Richtungen müssen sich unehrlicher Mitläufer erwehren, die ihnen nur schaden können. Erkennen kann man diese wenig angenehmen Glaubensgenossen unschwer. Der unehrliche Liberale sucht sich dem Judentum zu entziehen und verleugnet es, wo er. nur kann, der unehrliche Orthodoxe dagegen ist unduldsam und dabei selbst empfindlich, der eine benutzt den „modernen Menschen", der andere die „Pietät" als Schilds ohne über die Tragweite der beiden Begriffe im geringsten nachzudenken. . Doch wozu erst lange theoretische Auseinandersetzungen, wo wir uns an einigen praktischen Beispielen die traurigen Verhältnisse deutlich vor klugen.führen können! Treffe ich da a!N letzten Sonnabend einen mir als starker 'Raucher und besonders eifrigen Fortschrittler bekannten Herrn, auf der Straße. Eine ihrn angebotene Zigarre weist er entrüstet zurück unter Hinweis darauf, daß er doch unlängst in die Gemeindevertretung gewählt worden sei. wie doch schon die. bloße Vcrwaltungstätigteit im Dienste des Glaubens die Gesinnung zu beeinflussen vermag, denke ich mir, begleite aber meinen Freund still in sein Heim. Zu meiner nicht geringen Verwunderung zündet er sich dort . sogleich . selbst eine Zigarre an. Natürlich stelle ich ihn ob dieses Mangels an Selbstbeherrschung zur Rede, erhalte aber die Antwort: als Ehrenbeamter der jüdischen Gemeinde müsse man sich doch nach außen manchen Zwang antun, um Acrgernissen aus dem Wege zu gehen, selbst wenn man innerlich über solche Kleinigkeiten hoch erhaben wäre.

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