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Liberales Judentum · 1918-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1918) · p. [Seite]

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1918)
Date
1918-07-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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, . Hlonafsrdinff für die religiösen Interessen des Judentums " herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffäiland " unter der Redaktion von Dr. Caelar. Seligmann, Rabbiner in Siankfurt a. JTl. Jahrgang 10. Juli u. Ruguft 1918. Ho. 7 und 8.. Religiofe Ehrlichkeit. Son Dr. phll. Fritz Wachsner-Berlm. io März-Aprilnumnier dieser Zeitschrift enthielt einen Artikel aus der Feder des Verrn Rabbiners Dr. Gelles, der die Stellungnahme des liberalen Judentums zu. den polnischen Glaubensgenossen zu bestimmen suck^L. Seine trefflichen Ausführungen gipfeln darin, daß uns die Aufgabe zufalle, den eheürals russischen Juden bei der Wiedererlangung ihrer religiösen Ehrlichkeit behilflich zu sein, die ihnen in überaus hartem Lrittenzkampf gänzlich abhanden gekommen sei. ' Den sehr maßvollen Vorschlägen des Verfassers können wir uns wohl voll und ganz anschließen, indessen sei es gestattet, an sie anknüpfend den Blick von der polnischen zur DetUschen Judenheit zurückzulenken. Nirgends mehr als auf religiösem Gebiet gilt ja der .Spruch des alten Lehrers, der da fragt: „Wenn ich nicht für mich, hin, wer ist für mich?" So wollen wir denn, bevor wir unsere gewiß auch nötige Arbeit an den armen Glaubensgenossen im Ästen beginnen erst einmal reinlich vor unserer eigenen Gur kehren, indem wir uns die peinliche Frage vorlegen: Entspringt wirklich alles, was du, deutscher Jude, im Namen deiner Religion tust oder lassest, ausschließlich religiösen Beweggründen? Bist du ehrlich davon überzeugt, daß dein äußeres Gebühren vor Gott ganz deinem inneren Verhältnis zu ihm, entspricht? - Ich kann mir sehr wohl denken, daß viele Glaubensgenossen sich scheuen werden, dieser überaus wichtigen Frage näher zu treten, und zwar nicht etwa nur solche, die deren negative Beantwortung voransseben und fürchten müssen. Religion, so wird mancher sich sagen, ist Rrrzenssache, man soll an kultische Geb rauche, die religiösem Empfinden ihrer Entstehung verdanken, nicht die Sonde des zersetzendem Verstandes anlegen, um sich nicht den unbefangenen Genuß dieser schonen Gebränck' zu trüben. Diese Einsicht ist weit verbreitet, namentlich unter unseren Frauen, und hat den Vorzug, recht bequem zu sein. Nun aber bedeutet leider, schon das Wort Religion soviel uie Gebundenheit, also den größten Gegensatz ZrrBequemlichkeit, die man geradezu als den ^.od jeder Religion aussprcchen könnte. Lw Blick in das talmudische Schrifttum lehrt denn auch, daß man viele Jahrhunderte lang auf bequemen Genuß im Judentum durchaus verzichtete. Vier herrscht überall das Streben vor, Ursprung und Sinn der Gesetze und Gebräuche nach allen Seiten hin verstardesgemäß zu unter suchen. Man hält cs für unrecht, sich blind dem Ueberlieferten hinzugeben und sich daher für verpflichtet, soweit das möglich ist, zu wissen, warum man dieses tut und jenes nicht. So arbeiten in unserem Schrifttum das warm empfindende Gemüt un> der kühl erwägende verstand eng vereint zußammen, getreu dem alten Ausspruch: „Der unwissende Mensch kann nicht fromm sein." Ueber Form und Jchalt der talmudischen Erörterungen darf man hinsichtlich des wertes für die Gegenwart verschiedener Uleinung sein, für das eben dargqtellte Verhältnis von Fühlen und Denken aber gilt dies Zugeständ-

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