Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 42 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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42. ' Hermann Becker: Liberales Judentum im Osten Liberales ^uäentum im Olten. Don Hermann Becker^WoUsiem i. P. . : - I. ' ^.eit der großen Tagung der Vereinigung -2. für das liberale Judentum in Posen ist "für die Verbreitung des liberalen Gedankens äm.Osten wenig geschehen. Der verheißungsvolle Anlauf, den diese große, von fast tausend -Glaubensgenossen aller Stände besuchte Versammlung, genommen hatte, ist leider in den Anfängen stecken geblieben und die Anhänger -des liberalen Gedankens sind, auf sich allein angewiesen, entweder in die alte Gleichgiltigkeit verfallen, aus der sie jene Versammlung anfgerüttelt hatte oder sie sind zun: Lei! in das Lager der gegnerischen Parteien^ des Zionismus oder der Orthodoxie, überge- .gangen. Lvir wollen gern zugeben, daß noch -andere Umstände zu dieser wenig erfreulichen -Entwicklung beigctragen haben. Diese Entwicklung gebietet uns, das von unseren Glaubensgenossen noch heute, nächst - den Großstädten, an: zahlreichsten besiedelte Gebiet, nicht resigniert unseren Gegnern zu überlassen, sondern mit allen uns zu Gebote stehenhenden UI:tteln wieder für uns zu gewinnen. - Ivelches sind nun die Umstände, die zu -diesen! Verlust für das liberale Judentum bei- -getragen haben nnd welche Ulittel stehen uns zur Verfügnug, um de:: verlorenen Boden wieder zu gewinnen bezw. neue Anhänger zu werben? - . « / . II. .'3dj habe vor Jahren in der.„2lllg. Zig. 'd. . Jud." regelmäßig „pos'ener Briefe" veröffentlicht, in welchen ich versuchte, die soziales .politische und religiöse Gesinnung unserer.,Glaubensgenossen, die ich seit nunmehr jähriger Berufstätigkeit in der Provinz ge- ,nau zu. kennen glaube, zu schildern. .Diese -Gesinnung und diese Zustände sind, zun: allergrößten Teile noch heute dieselben, sie sind es aber nicht nur für Posen, sondern auch für den größten Teil Ostelbions, in welchen: noch Juden it^neMenswertcr Zahl wohnen, d. r. Ivestpreußen, Ostpreußen, Pommern und Schlesien. Sie traten wegen der seit Zähren . rastlos erfolgten Abwanderung der Juden des Ostens bei den: zurückgebliebenen verhältnismäßig geringen Rest noch deutlicher zutage als vorher. .' " Und da ist es eine unbestrittene Tatsache, daß fast alle gebildeten Juden dieser östlichen Provinzen, vor allem die Akademiker, aber auch die führenden sozialen Schichten. des Raufmannstandes, alle diejenigen, die in der Selbstverwaltung der Rommunen hochangesehene Aemter als Stadtverordnete, Magistratsmitglieder, Rreistags- und provinzial- Landtagsabgeordnete bekleiden, die in den Vorständen größerer Lokal- und provinzialvercine sich betätigen, insbesondere auch die führenden jüdischen Frauen, fast ausnahmslos religiös-liberal sind. Und dennoch, so religiös-liberal auch diese Rreise unserer Glaubensgenossen sind, so verhältnismäßig wenig haben sie den Gemeindeeinrichtungen, dem Gottesdienst und den Gebeten den liberalen Geist eingehaucht. So gibt es in der ganzen Provinz Posen nur drei Orgelsynagogen, einige wenige haben ein Garmonium für besondere festliche Veranstaltungen eingeführt, im übrigen aber gilt trotz der deutschen predigt der Ritus „der guten, alten Zeit," sogar mit Bamemadlikin, Jekun: purkon und pitum Haktores. Zn lvestxreußen, Ostpreußen, Pommern und Schlesien, in letzterer Provinz etwas besser, sind die Zustände auf diesem Gebiete fast dieselben. Ivährend die Assimiliernng immer weiter fortschreitet, durch den Zug nach dem IVesten, der nach dem Weltkriege gerade in Gstelbien einen außerordentlichen Umfang annehmen wird, die jüdischen Volks- und Religionsschule:: veröden und damit auch die Synagogen und sonstigen Gemeindeeinrichtungen zu gründe gehen, wird von liberaler Seite der Orthodoxie und dem Zionismus, der gegenwärtig besonders die Zugend zu beeinflussen sucht, kampflos das Feld überlassen. Links hat die mittelparteiliche Richtung vom Ende des voriger: Jahrhunderts dem Zndifferentrsmus Platz machen müssen und rechts das nationale Judentum die Orthodoxie verdrängt.!vas kann das liberale Zudentunr unter so schwierigen Unrständen im Rampfe um seine Selbsterhaltung gegen zwei rührige.