Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 39 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Prediger Karl Rosenthal: Ist das Judentum ein Problems 39 Da- Judentum ist der Inbegriff unseres religiösen Denkens, Lühlens und wollens oder: unsrer religiösen Erkenntnis, unseres Glaubens.- und -unserer sittlich-religiösen Handlungen. Es kann also über den Begriff Judentum ein Zweifel nicht anerkannt werden; und die eingangs aufgeworfene Frage muß dahin beantwortet werden, daß ein Problem Judentum nicht existiert! Am so befremdlicher klingt es daher, wenn feit einer Reihe von Jahren mit mehr oder weniger bewußter Absichllichkeit das Judentum „ein Problem" genannt wird, das durch, die hergebrachten Begriffe noch nicht gelöst fei. Und es kann leider nicht geleugnet werden, daß insbesondere ein nicht unerheblicher Teil der jüdischen Jugend hierdurch in seiner Auffassung vom Judentum schwankend geworden ist. In sich selber noch nicht genügend -gefestigt, als jüdische Charaktere noch nicht -ausgereift, erst noch ringend nach einer festen Weltanschauung, sah sie das Judentum vor sich als ein nebelhaftes Phantom, das bald diese, bald jene Gestalt annahm. Woher jedoch sollte die Jugend die Rraft nehmen, 1 ich-für. solch ijt ungewisses, problematisches Judentum zu begeistern? Und so sehen wir . einen weitverbreiteten Indifferentismus, wo wir freudiges Interesse, zaghaftes Schwanken, wo wir parke, ruhige Sicherheit finden müßtenwer trägt die Schuld? Es ist das zweifelhafte Verdienst des jüdischen Nationalismus, unser Judentum .von» erhabenen Thron der Majestät „Reliaion" herabgezogen und zu einem Problem rassentheoretischer Diskussion gemacht zu haben. Die sonstigen unbestreitbaren Verdienste des Zionismus in Ehren — aber hier liegt zweifellos ein ernstes Verschulden vor. Freilich hat es auch schon früher wiederholt nationalistische Strömungen jm Judentum — meist mit stark mystischem Einschlag — gegeben. . Aber ftrit die Rassentheorie zu einer nationalen Parteisache bei uns geworden ist, entdeckte nian, daß der Jude, ohne solches Nationalbewußtsein, an „seelischer Zerrissenheit". und „Halbheit" leide; er trage den Lluch des unsteten, unglücklichen, zu ewiger Unfruchtbarkeit verdammten heimatlosen mit sich. <Dbnc den festen Untergrund der eigenen Scholle auf angestammter Heimaterde fehle «es dem, Inden an der bodenständigen, sich ewig verjüngenden Rraft, Ganzes und vollkommenes auf irgend einem Gebiete zu schaffen! — Es soll hier nicht weiter untersucht werden, ob und wieweit diese nationaljüdischen Anschauungen auf falschen Voraussetzungen beruhen. Darauf jedoch nmß hingewiesen werden, daß jene angebliche „seelische Zerrissenheit" und Halbheit" erst durch den Zionismus künstlich geschaffen worden ist! Der deutsche religiöse Jude, nichts weniger als zerrissen, trug in feinem Judentum einen tiefen, reichen Schatz in sich, der ihm nicht nur kinder-seliges Vertrauen, freudiges Lebensbewnßtsein und Rraft zu jeder guten! Tat, sondern vor allem auch Harmonie und innere Schönheit.verlieh. Nichts von Halbheit! Nichts von Zwiespältigkeit! Sondern überall kraftvolle Sicherheit, ruhiges Gefühl des Geboruenseins, tiefste Befriedigung im religiösen Glauben. Hören wir darum auf, das Judentum ein Problem zu nennen! Lassen wir Judentum wieder sein, was es durch Jahrtausende unfern Vätern gewesen ist: Sehnsucht — und Erhörung! Hoffnung — und Gewährung! Verheißung — und Erfüllung! Wir wollen uns den jüdischen Glauben nicht entwinden, wollen uns das Fundament unseres religiösen Heiligtums nicht wankend machen j lassen, was wir .rmk der Muttermilch als religiöse Erkenntnis und unverbrüchliche Wahrheit eingesogen haben, das soll man nun nicht plötzlich ein Problem nennen. Rlar und unzweideutig muß es ausgesprochen und mit aller Rraft unverrückbar festgehalten werden: „Das" Judentum ist kein. Problem (trotz der vielen, vielen Probleme, die in seinem Schoße ruhen), sondern freudigste Gewißheit, die tief und fest verankert ist in der Ueberzengung unseres Herzens, und die ihren lebendigen Zlusdruck findet . in der glühenden Begeisterung, mit der wir uns zum Gefühls- und Glaubensinhalt der jüdischen Religion bekennen. Man hat neuerdings — insbesondere auch seitens der „Vereinigung für das liberale Judentum" — die Notwendigkeit betont, alles Trennende beiseite zu, stellen, das uns Einende aber zu fördern und positive Arbeit zu leisten. Der erste Schritt auf diesem Wege zu solcher aufbauenden Arbeit ist jedoch: die unbeirrte Anerkennung des Juden tu ins als Religion. Auge-