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Liberales Judentum · 1918-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1918) · p. Seite 38

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1918)
Date
1918-05-01
Page
Seite 38 (sequence 6)
Language
German
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38 Prediger Karl Rosenihal: Ist das Judentum ein Problem? cinstimnmng miteinander bringen,'wie wir zwischen dem religiösen Seelen-- und Gemeinschaftsleben der Juden des 20. Jahrhunderts und den religiösen Begriffen und Forderungen des biblischen und talmudischen Zeitalters einen harmonischen Ausgleich schaffen, mit einem.Wort: ob das Judentum konservativ oder liberal fei. --- Dies allein-ist — int Begrifflichen — das jüdische (nämlich das religiöse) profclem! Denn hier handelt es sich um den starken Untergrund, um das Fundament, auf dem der ganze Bau des Judentums ruht! Während alle sonstigen Fragen des Judentums außerhalb des täglichen Gesichtskreises der meisten Juden liegen, .mit diesem, dem religiösen Problem, hat jeder Jude sich einmal irgendwann und irgendwie -Toft ganz unbewußt — befaßt. . Als ich ein Junge von 8 Jahren war, besuchte ich die jüdische Schule einer kleinen hessischen Stadt, in der mein Mnkel als Lehrer wirkte. Am peßachtag wunderte ich mit anderen Kindern ins Freie, auf den Burgberg und freute mich des erwachten Frühlings. In der Freude meines Herzens pflückte ich einige Veilchen und Maienblümchen. Glückselig trug ich die .Boten des lenzes in der 'Hand. Aber ein fahriges Alädel hatte mein Tun gesehen, und voll ungeheuchelter Entrüstung sagte es den andern Spielgenossen: „Tr hat Veilchen mit der Hand gepflückt!" Und auf meine ahnungslose Frage, wie ich denn anders hätte verfahren sollen, erfichr ich eine merkwür- . diae Belehrung. Jenes Mädchen kniete auf . die Erde nieder, beugte den RopfIief herab und biß einige Veilchen mit den Zähnen ab. Nun wußte ich, wie man am "Sabbat Veilchen pflücken muß! Damals dämmerte mir zuerst die Erkenntnis, daß es schwer sei, „jüdisch" zu leben und daß hier ein Problem vorliege. Dieses selbe Problem begegnete mir zehn Jahre später. Da hatte ich im Seminar einen gelehrten, sehr liebenswerten chnd sehr frommen Reliaionslehrer, vor dessen — im besten Sinne — naiver Frömmigkeit ich noch heute aufrichtige Hochachtung empfinde. An einem Sabbat erschien er in der Seminar-Synagoge, den.Tallis zu einem Knoten um den Hals geschlungen. Die Synagoge war noch leer, und so fragte ich den Lehrer, ob er sich etwa erkältet habe, da er sich so fürsorglich einaebullt? Doch jener erwiderte mit einem überlegenen Lächeln: „Nein, nein! Ich hatte den Tallis zu Hause liegen, und da ich ihn doch am Sabbat nicht tragen darf, so habe ich ihn zu einem Knoten geschlungen; nun gilt er als Halstuch!" — Da mußte ich jenes kleinen Mädchens gedenken, das mich gelehrt, wie man am Sabbat Veilchen pflücken muß. Und wieder fühlte ich, daß das religiöse Problem das eigentliche jüdische Problem sei. — ' Abermals zehn Jahre später. Ich wohnte der imposanten Versammlung der „Vereinigung für das liberale Judentum" in Posen bei, auf der das „Programm" und die „Richtlinien" festgestellt wurden. Da gewann all das, was lange Jahre nur unklar und gefühlsmäßig als religiöses Problem in mir gelebt hatte, feste Form und scharfen Umriß. Hier wurde nun versucht, klar, .planvoll und zielbewußt Linklang zwischen Fokm und Inhalt, zwischen überlieferter und gelebter, zwischen objektiver und subjektiver Religion zu schaffen. Dies Suchen nach einem neuzeitlichen Ausdruck für unser jüdisches Leben, das Bemühen unserer tüchtigsten liberalen Theologen, einen Ausweg zu 'finden für alle diejenigen, die in dem Widerstreit zwischen religiöser Ueberlieferung und moderner Emp finduna den ganzen Untergrund ihrer gläubigen Sicherheit zu verlieren fürchteten — und auf der anderen Seite der starke, oft fanatische Eifer unserer Orthodoxie gegen diese verrufene Sanktionierung und rabbinische Anerkennung eines in der Praxis ja längst niä^t mehr-zu ändernden Zustandes —"ich sage: alles dies läßt mit beweiskräftiger Deutlichkeit erkennen, daß allein die religiöse Frage dasjenige Problem ist, mit dem das Judentum steht und fällt. Die Ansichten mögen gerade in dieser Frage sehr, sehr weit auseinander gehen — aber der Begriff Judentum selber wird durch diesen Streit der Meinungen nicht berührt. Er ist das Gegebene, das primäre. Es mag allerhand Schattierungen geben von krasser Buchstabengläubigkeit bis zu schrankenlosem Radikalismus — immerhin stehen auch die erbittersten Gegner auf dem gleichen Boden, der sie trägt und auf dem sie gewachsen sind! Aus diesem gleichen Nährboden saugen sie die Kraft, die den Ideen, für die sie eintreten, Blüte und Gedeihen geben soll: ans dem Boden des religiösen Iudenturns.

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