Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Dr. Kellerrnann: Hermann Cohens System — die Begründung des liberalen Iudenümls ° * gereicht dem politisch-praktischen Instinkt des Judentums zur größten Ehre, daß es nicht nur sozial dachte und fühlte, sondern auch sozial wollte und handelte. Die Institution des Sabbats ist in dieser Einsicht von epochaler Bedeutung. Auch dafür muß dem politischen Genius des Judentums Dank gezollt werden, daß cs Institutionen schuf, die den Gedanken des Judentums, seinen vom Ethischen getragenen Gottesbegriff in allen Phasen des Gebens den Bekenncrn vor klugen führt, wogegen sich aber der Systematiker Lohen mit aller Scharfe wehrte und wehren nmßte, das war die Gleichsetzung rein ethischer Forderungen nut denen ritualen Charakters, verpflichtende Kraft können symbolische Institutionen nur für korporative Gemeinschaften haben, niemals aber für den Einzelnen. Selbst wenn Lohen über diese Distinktion auch nicht ein einziges Wort gesprochen hätte, so müßte sie dennoch als feine kehre bezeichnet werden. Denn wer so wie Lohen von der Realität des Gottesvegriffs durchdrungen war, wer gleich ihm der Reberzeugung lebte, daß jedes Zuflucht, ucher. für di Verwirklichung des Sittengesetzes bei einer außersittlichen Instanz ein lsohn auf die .Realität des Sittlichen bedeutet, der nm^te es als eine Fällung der prophetischen Religion ansehen, wenn für die Erfüllung des Sittengcsetzes die Stabilierung partlkularhnscher Gesetze notwendig schien, die mehr als subjektiv-symbolische Geltung beanspruchen. Rlit diesen! Freimut der Kritik gegenüber dem prophetischen Gottesbegriff und der prophetischen und nachprophetischen Ethik verband Lohen eine warme Anerkennung der protestantischen Bibelkritik. Miederholt betonte er, daß wir in dieser Hinsicht der protestantischen Kathedertheologie zu großem Danke verpflichtet seien, denn erst durch ihre bahnbrechende Arbeit sei der Universalismus der prophetischen Religion zur wissenschaftlichen Tatsache geworden, j Dieser freien Auffassung der Religion scheint freilich manches entgegenzustehen, was Lohen im besonderen für die Erhaltung und Fortentwicklung des Judentums verlangte. Dahin gehört vor allen Dingen die von ihm stets geförderte pflege der hebräischen Sprache in Schule und Gottesdienst. Doch täte man ilnn unrecht, wollte inan hierin den Beweis einer übertriebenen Pietät erbljcken. Lohen geht von dem sprachphilosophischen Gesichtspunkte aus, daß die Ursprache einer Gemeinschaft deren Gedanken und Empfindungen viel reiner und ursprünglicher ausdrücke. als jede noch so gute Uebertragung. Dazu, kommt, daß im kaufe der Geschichte jedes Wort dieser Sprache ein Reservoir all jener Gefühls-Imponderabilien bildet, die bei. dem lebendigen Gebrauch einer Sprache unbewußt Mitschwingen und mittönen. Dieser Gefühls' akzente sich mit Bewußtsein zu begeben, bedeutete für Lohen fast eine Verstümmelung der religiösen Psyche des Judentums. Zluch im Interesse eines quellenmäßigen Verständnis,es der Religion förderte er ein Eingehen auf die sprachlichen Eigenheiten unserer Literaturdenkmäler; dies scheint umsomehr geboten, als die von nichtjüdischer Seite geübte Interpretation des jüdischen Textes von tendenziösen Fälschungen nicht freigeblieben ist. Bedenkt mem ferner, daß bestimmte Teile der hebräischen Gebetssprache in ihrer eigenartigen Vertonung die jüdische Tötalseele besonders machtvoll ergreifen, so läßt sich die .von Lohen geforderte pflege der hebräischen Sprache keineswegs als den Prinzipien des liberalen Judentums zuwid erlaufend bezeichnen. ' Um seine Stellung zum kiberalisnius aber voll zu würdigen, bedarf es noch einer Hinweifung auf seine Aesthetik. Sehen 'wir von den poetischen Erzeugnissen der jüdischen Literatur ab, so müssen wir im allgemeinen eine kunstfeindliche Richtung des Judentums feststellen. Sie ist aus dem psychologisch begreifbqren Rlotiv hervorgegangen, daß sehr leicht das Objekt künstlerischer Gestaltung als Subjekt erfaßt und dadurch einer Vergottung empirisch bedingter Wesen Vorschub geleistet werde. Lin Grund zu dieser Befürchtung lag schon darin, daß in andern Religionen eine derartige Verwechselung häufig vollzogen wurde, Hier greift nun Lohen mit sicherer philosophischer Riethode ein, indem er daraus hinweist, daß in der wahren idealen Kunst alles Stoffliche^ und Gegenständliche nur als Riittel zum Zwecke harmonischer Ausgleichung aller menschlichen Dissonanzen Verwendung findet. Aus diesem Grunde vermag er in den Offenbarungen der gestaltenden und tönenden Kunst ebensosehr Schöpfungen des Genius der Humanität zu erblicken, wie in den Sittenlehren der Propheten und psalmen. Daher stellte er für den Gottesdienst