Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1918)
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Dr. Kellennann: Hennann Cohens System — die Begründung des liberalen Judentums * * »kte der Vernunft bezeichnet werden? Waltet i der Natur nicht eine völlig unabhängige >esetzmäßigkeit, die die Vernunft nur anannend zu verehren, aber niemals ihrer Äotrräßigkeit zu unterwerfen vermag? Ebendesmlb kann die Vernunft bei Berücksichtigung neser Eigenheit der Natur weder die Naturgesetze erzeugen noch die völlig unabhängig bestehenden Gesetze der Natur den aus der Vernunft stammenden Gesetzen der Ethik mterordnen. <£s steht also bei der Frage um die Einheit I"> Alleinherrschaft der Verminst das' große >blem auf dem Spiel: Rann die Ethik ic Durchführung und verwirkhüng ihrer Gesetze erhoffen oder cht? Für die Vertreter der religiösen Inion, für die Propheten und psalmdichter, r freilich diese Frage auf dem Wege des mbens und der religiösen Gewißheit zu usten des Primats der Ethik entschieden, > alle diejenigen, die sich in pietätvoller me dieser klassischen Lehrern der Menschheit anschlossen, konnten auf Beweise verzichten. Ganz anders aber verhält es sich mit jenen Denkern, denen die reine Intuition nicht genügt, die den Inhalt einer höheren Offenbarung auch logisch gestützt wissen wollen. Deshalb nmßte die Frage geprüft werden: Durch welche Denkmittel läßt sich die Abhängigkeit der Natur von der Vernunft erweisen? . Es ist bekannt, daß zu allen Zeiten die erlauchtesten Vertreter des jüdischen Geistes der Lösung dieser Frage die ganze Rraft ihrer Spekulation widmeten. von philo bis Maimonides und Moses Mendelssohn gilt die Erforschung dieses Problems als die höchste Angelegenheit religiöser Reflexion. Es ist auch nicht zu bezweifeln, daß all diese Denkerwesentliche Fortschritte in der Lösung dieser Frage erreichten, aber was ihnen allen im Verein, mit den modernen jüdischen Religionsphilosophen fehlt, das ist der Charakter der Originalität. Nicht als ob sie picht eigene Gedanken für die Bewältigung dieser Aufgaben gestruden hätten. Eine derarttge Vermutung müßte man schon deshalb abweisen, weil sonst ihr ganzes Denken sich in einen, tautologischen Geleise bewegt hätte. Aber was sie als neue Gedanken erschauten, das waren stets nur Ausstrahlungen und Auswirkungen eines fremden Systems, dem sie sich wohl mit Rrittk, aber doch auch mit dogmatischer Befangenheit ergaben. Da erschien in Ls ermann Co hen der Meister, der in genialer "Selbständigkeit an diese Fragen herantrat und die Probleme loste. Sein scharfer philosophischer Geist entwarf ein neues System, auf Grund dessen er die brennende Frage von der systematischen Einheit und Alleinherrschaft der Vernunft in einem' Sinne löste, dessen Fruchtbarkeit noch gar nicht eingehend genug gewürdigt werden kann, weil wir, selbst noch unter ihrem Banne stehend, die vorurteilsfteie Objektivität kann: zu gewinnen vermögen. Nur soviel darf ohne Rebertreibung behauptet werden: Die Cohensche Lösung übertrifft alle bisherigen an Tiefe und Scbarfsinn und universeller weite des Blickes. Die Wege freilich, die Cohen zu diesem Ziele.führen sollten, waren zum Teil schon lange geebnet. Plato und plotin, Repler und Galilei, Desoartes, Leibnitz und Rant, sie alle hatten in gedanklicher Uebereinstimmung mehr oder weniger deutlich die Lehre verfochten, daß wir nur das aus der Natur herauslesen können, was wir selbst in sie hineinlegen. Ganz besonders war es Rant beschieden, in diesem Sinne den Verstand als Urheber der Nattrr erkannt und deklariert zu haben, freilich nicht der Nattrr, wie sie sich dem sinnlichen Auge kritiklos darbot, sondern der Natur als Inbegriff von gesetzliche,! Relationen, deren konstittrtives Element die Mathematik vertritt.- Aber es entstand die Frage: woher stanrmen die Grundelemente der Mathematik, wre sie sich in Raum und Zeit enthüllen? Gewiß hat auch hier wieder Rant vorbildliches geleistet. Auch er wertete Raum und Zeit insofern als Erzeugnisse der Vernunft, als er sie „reine Anschauung" nennt. Doch auch reine Anschauungen sind immerhin nur Anschauungen und keine Denkgebilde. Liier setzt die Cohensche Philosophie ein. An der Hand einer eingehenden Analyse des Differentialbegriffs zeigt er, daß auch Raum und Zeit unbedingt aus dein Denken stanrmen und als reine Denkerzeugnisse gewertet sein wollen. Das Gleiche erweist er auch für die Bewegung als für das Verl^altnis von Raun, und Zeit, waren aber Raum, Zeit und Bewegung als Denkgebilde nach-