Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 25 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o Ar. Grllrs: Arr FibrraLismus und die polnischen Juden ken sie auch: Hakol keminhag hamedina, in polen muß man der Gewohnheit entsprechend einen langen Rock tragen und orthodox leben und in Deutschland einen kurzen Rock tragen und feinen Anschauungen gemäß auftreten. Religion aber verträgt nicht Unehrlichlichkeit und Scheinheiligkeit. Hier ist die wunde^ Stelle in der polnischen Iudenheit, welche der Liberalismus mit seinen Grundlehren heilen muß. Er muß den Leuten das verwerfliche ihrer Scheinheiligkeit vor Augen sichren und muß es ihnen andererseits eröffnen, daß fie gute und zuverlässige Juden auch bleiben können, wenn sie statt des langen Kaftans den kurzen Rock tragen und nur die .Gebräuche üben, denen ihr Verständnis nicht zum Gegner wird. Gr muß es ihnen immer und immer sagen: RaQhmonoh libo boi „Gott will das Herz haben", und daß eine Religion ohne Gesinnung, ohne Herzensbedürfnis nur eine leere Form ist. Gr fäll ihnen eine religiöse Betätigung geben, die ihren Anschauungen, ihrer Gesinnung entspricht, daß alle religiösen Handlungen auch etwas bedeuten, daß sie der wahre Ausdruck religiösen Gmpfindens sind und nicht reine mechanische Handlungen, die man begeht, ohne sich dabei »etwas zu denken. Unehrlichkeit aber in dem, -was dem Menschen am heiligsten sein soll, in der Religion, beeinflußt auch leicht das Handeln, den ganzen Charakter. Darum hat der Liberalismus nicht Trur eine rein religiöse, sondern - auch eine ethische Aufgabe zu lösen. Gr muß die scheinheiligen zu wahrhaft religiösen, die unehrlichen aber zu ehrlichen Juden und Rlenschen erziehen. Ergibt sich schon aus dem soeben Ango führten die Notwendigkeit von liberaler Ar> bett in der polnischen Iudcnheit, so scheint sie uns aus folgendem geradezu geboten. Rehmen wir wieder die Erfahrung zu Hilfe. Es ist ein psychologisches Gesetz, daß alle seelische Entwicklung, die nicht allmählich, sondern sprunghaft geschieht, nicht gedeihlich ist. wer über Nacht aus einem Millionär ein Bettler wird, kann irr den allermeisten Fällen diesen Zustand nicht ertragen und verliert den inneren Galt; wer umgekehrt durch einen günstigen Zufall aus einem, armen plötzlich ein reicher Mann wird, geht unvernünftig und oft zu seinein größten körperlichen f und seelischen Schaden mit dem vermögen um. Der junge Mürnn, der bis zu fernem Abiturium unter der strengen Aufsicht der Schule gestanden, ip schon oft zu gründe gegegangen, weil er die akademische Freiheit plötzlich erhielt. Letztes Beispiel möchte ich bei den polnischen Juden anwenden. Bisher hielt die strenge Aufsicht des Staates, ja seine drakonische Härte zusammen. Zn ihrer Not klammerten sie sich an Gott; er war ihre Hoffnung, die sie überallhin mitnahmen, er war ihr Trost, der ihnen bessere Tage versprach. Run dringt plötzlich reines Sonnenlicht in ihre dumpfen Kerker; die Fej^ feln werden gesprengt, die ihre Seelen, einengten. wie manch einer wird mit den Fesseln auch die Hoffnung und den Trost wegwerfen! wie manch einer wird im ersten Jubel der Freiheit feinen Glauben und seinen Gott vergessen! — der plötzlich reich gewordene vergißt ja leider zu schnell die Tag«, seiner Armut! — Da muß der Liberalismus einfetzen, einen Damm aufwexfen gegen den Strom, der fein Bett verlassen und sich ins Uferlose verlieren will.. Er hat die schwere aber sehr dankbare Aufgabe all die Juden, die beim Eintritt neuer, politisch günstigerer Verhältnisse dem religiösen Indifferenttsmus in die Arme laufen wollen, .davon zurückzuhalten, die religiösen Anlagen, die in ihnen vorhanden sind, vor der Verkümmerung zu bewahren. Zn welcher weise aber soll der Liberalismus arbeiten? Wie die anderen großen jüdischen Organisationen schon, während des Krieges das okkupierte Land bereisen lassen, um dort für ihre Ideen zu interessieren, so muß auch der Liberalismus Fühlung mit den polnischen Juden nehmen. Er muß — und das ist seine dritte, nicht hoch genug zu bewertende Aufgabe — drüben zeigen, daß Aesthetik und Religion sich rvohl vertragen; er nmß, uni es mit anderen Worten zu sagen, die polnischen Juden mit der westeuropäischen Kultur aussöhnen. Der Mangel an Wohlstand und an profanem wissen und vor allem die politische Rot pferchte diese Aerrnsten der Armen zusammen und ließ sie ein Leben führen — schmutzig und schmachvott. Nun da die Aussicht ans bessere Zeiten sich eröffnet, fort mit alt dem Schniutz (körperlich und auch seelisch), fort mit all den Anschauungen, die im .finsteren