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Liberales Judentum · 1918-03-01 · Heft 3-4 (März 1918) · p. Seite 24

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 3-4 (März 1918)
Date
1918-03-01
Page
Seite 24 (sequence 8)
Language
German
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»4 Ar. Gelles: Arr Liberalismus und die polnischen Juden )er Liberalismus unä die polnifchen Juden. Won Rabbiner Dr. Gelles-Cilfa.' ItYYer in den letzten Jahren mit xrüsenden Blicken die Gegenwartsge- I schichte der Juden betrachtete, sah in dem Schicksal der unter russischer Herrschaft stehenden oder richtiger seufzenden Juden ein Rätsel, dessen baldige Losung, ihm unmöglich erschien. Da brach im '■ August der Weltkrieg aus, und mit einem Mal wurden die Augen alter auf die Mstjuden gerichtet. Würden sie unter deutsche oder österreichische Herrschaft kommen und das Los geknechteter Untertanen gegen das gütigere Schicksal fteier lebender Bürger eintauschen? würden sie in einem selbständigen j)olen auf dem Grund und Boden, auf dem sie seit Jahrhunderten wohnen, die Gleichberechtigung erhalten? würde eine systematische Auswanderung nach den verschiedensten Kolonisationszentren einsetzen? Diese Fragen stehen auch heute noch offen. Nur eins wissen wir, die russischen Juden und ihr Ergehen bleibt weiter eine innere politische Angelegenheit Rußlands, für die polnischen Juden aber beginnt eine andere Zeit, eine Zeit, der die Zentralmächte die Gestalt geben werden. Daß die Zentralmächte bei ihren die polnischen Juden betreffenden politischen Umwälzungen gern die Unterstützung der deutschen Juden annehmen wollen, ja sogar auf diese rechnen, wissen wir bereits. Aber die Judenfrage - in f)olen ist nicht nur ein politisches Problem, sondern auch ein kulturelles. Das Huben wir gesehen, als die Frage erörtert wurde, welche Schulen von der deutschen Verwaltung ins Leben gerufen werden sollten und welches die Unterrichtssprache in ihnen werden müßte. Uns aber interessiert heute hier eine andere Frage, nämlich : at der religiöse Libero Nsmus unter den polnischen Juden eine Aufgabe zu erfüllen und worin besteht sie?" Nur derjenige, der den wirklicheil Verhältnisse,l-fernsteht, ist der Meinung, daß der polnische Jude eo ipso konservativ oder orthodox ist. wäre dem in der Tat so, dann hätte der Liberalisrnus dort nichts zu suchen, dann wäre er nur ein Störenfried, der die Einheit der religiösen Anschauung mit Gewalt sprengen möchte, wer aber irgendwie Gelegenheit hat, die polnischen Juden in ihrem religiösen Leben zu beobachten, macht sofort die Entdeckung, daß gerade unter den polnischen Juden — ebenso wie unter den russischen Juden —. die schroffsten religiösen Gegensätze eng bei einander wohnen. Die große Masse ist zwar noch orthodox, aber die hohe Intelligenz und die demokratische Arbeitersckstrft sind schon fast indifferent. Wir machten zu Friedenszeiten so oft die Erfahrung, daß polnische Juden im Kaftan über die Grenze kamen. Kaum hatten sie den deutschen Boden betreten, legten sie den langen Kaftan ab, zogen einen kurzen Rock an und speiste,' ohne irgend welche religiösen Bedenken — besonders in Großstädten und Badeorten — nicht rituell. Kehrten sie dann von der Geschäfts- oder Badereise nach fielen zurück, zogen sie mit der Selbstverständlichkeit eines Schauspielers, der Ln jedem Akt seine Kleidung wechselt, an der Grenze den alten Kaftan wieder an und narren drüben die regelmäßigsten Besucher des Gotteshauses und die strengsten Beobachter der religiösen Vorschriften. ' . ■ wir fragen uns, wie ist das möglich, daß die nämlichen Leute, die soeben vier und mehr Wochen modern und freireligiös lebten, nun wieder in das orthodoxe Milieu znrückwandern? Sintemal cs eine feststehende Tatsache ist, daß die der Orthodoxie verlogen gegangenen Kreise niemals mehr zu ihr zurückkehren! Ist. das nicht glatte Heuchelei? Ganz gewiß! Bei manchen spricht vielleicht der rücksichtsvolle Wunsch mit, die orthodoxen Glaubensgenossen durch plötzliches Abschwenken vom Althergebrachten nicht in ihren religiösen Gefühlen verletzen zu wollen. Die meisten dieser Verwandlungskünstler jedoch halten es mit dem religionsgesetzlicher Grundsatz „der Minhag oder das Gewohnheitsrecht habe Gesetzeskraft." Sie denken an die Talmudstelle: „Rabbi Tanw.m^ bar Thänilai sagt, niemals weiche der Mensch von der Sitte des Grtes ab, wo er weilt. Moses stieg in den Himmel und aß nichts, die Engel kamen zur Erde (zu Abraham) herab und aßen" (Baba Mezia 86 d). Und so den-

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