Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1% H. Iipprrt. Worauf muß sich die Arbeit rinrs jüd.-lib.IngevbversLns erstrecken? 2."» . i r l i i k Nahrung in der Rücksichtslosigkeit und Gradhcit und Universalität .jener Männer. Und so ist es eine psychologische Selbstverständlichkeit, daß sie in erster Linie berufen ist, den Vortrupp zu bilden auf dem Marsche der Menschheit nach dem Edeltume prophetischer Gesinnung. jüdische Jugendvereine, die zukünftige Zeit wird groß und aufregend sein, werdet euch daher bewußt, daß alle echte Jugend sich nur um eure Fahnen scharen wird, wenn ihr dieser weite, umfassende Ziele bieten und hohe Aufgaben geben werdet! Die Zeiten stiller, gemütvoller Pietät sind vorbei. Das Leben rauscht in die stillen Räume liebevoller Frömmigkeit und verlangt mehr von dem Menschen. Das öffentliche, politische Leben sei deshalb der Gegenstand eurer Betrachtung und Tätigkeit. Denn die jüdische Welt ist die .Welt überhaupt, so gewiß Jude sein nichts anderes bedeutet als Mensch sein. Wendet ihr euch jedoch nicht an das universale Bedürfnis der Jugend, werdet ihr nur halbe und viertel Seelen gewinnen. Dann sinkt das Judentum zu einer Aüchbetätignng herab und ist nicht mehr Kern und Wurzel unseres Handelns. Aber Religion soll die ganze Persönlichkeit des Menschen erfassen und eintauschen in ihre verkettende Macht, daß jede Seelenäußerung an ihr sich zurechtfinde. Dochihr wollt nicht nur ein jüdischer, ihr wollt auch ein jüdisch-liberaler. Jugend-, verein sein. Ich muß gestehen, dieses Wort liberal hat mir eine zu enge Bedeutung für die Ausblicke wahrhaft jüdischer Betätigung. Es ist nicht ausreichend genug. Liberal sein bedeutet einerseits Achtung und Duldsamkeit für die Reberzeugnng anderer Menschen haben, andererseits bedeutet es, die religiöse Formenwelt der zeitlich bedingten und wandelbaren Empfindungsweise des Menschen anzupassen. Seinen Gegenpol findet der Liberalismus in der Orthodoxie, die überzeugt von der Göttlichkeit des religiösen Zeremonials zäh und starr an ihm festhält und folgerichtig jede andere Meinung als verabscheuenswert bekämpft. Gemeinsam ist beiden Aeußerungsarten des religiösen Lebens die Ueberzeugung, daß ohne Formen ein religiöses Leben schlechterdings unmöglich fei. Formen müssen sein! Aber wie wenig grundlegend ist dieser Gegensatz aus der Perspektive Les von uns gezeichneten Judentums. Dieses Judentum hat eine Tiefe, die den religiösen Formenstreit als. eine sekundäre Erscheinung wertet. Es muß jedem Menschen freigestM. bleiben, nicht nur welche Formen feiner Lrnpfindungsart. entsprechen, sondern auch, ob er überhaupt solcher Formen zum Auckrben feiner religiösen Persönlichkeit bedarf. Mnn Formen müssen keineswegs sein. Der vollwertige Ausdruck des religiös-sittlichen GöLankens ist immer nur die sittlich eTat. Sieistdie Form,in der di? Idee der Sittlichkeit ihre- Ausdrucksmöglichkeit hat. „was verlargt der Ewige, dein Gott von dir?" so fragst der Prophet Micha. Und die Antwort lautete „Nichts, anderes als — man beachte die Ausschließlichkeit des Ausdrucks —- Gutes tun, Licke üben und in Demut wandeln vor dem Ewigen, deinem Gotte." Zwar wird die Bedeutung religiöser Forme.l für das menschliche GerM nicht berührt, und der Standpunkt des Propheten hinsichtlich dieser Frage bleibt offeu, aber eins geht unzweideutig aus seinen Worten hervor: Die' Gleichgültigkeit Gottes gegenüber solchen Dingen, solange sie rächt Brücke zur Auslösung praktischen Handelns geworden sind. Jüdische JugendverMre, der Friede wird kommen, in allen Schickstm der Bevölkerung wird eilt Kampf entbrenvrn von einer Wucht und Anteilnahme jedes Einzelnen wie seit Menschenaltern nicht mckhr. Alle, die etwas wert sind, werden partÄ ergreifen und das Feuer ihrer Seele in die Mrgschale des Schicksals werfen. Der deutsche Jude wird nickst Zurückbleiben, und besonders die Jugend wird sich kampfesfreudig in dm Streit der Meinungen werfen, wollt ihr sie nicht verlieren, müßt ihr ihr den Sinn Dr die Kulturwer'e unserer Religion öffnen. Dann wird sie den Kampf des Tages nicht Memd und losgelöst vorn Judentum erleberr, .smdcrn als Vertreter und Herolde jüdischer Gedanken, jüdischer Ideen. Dann wird von muem der Faden der Kontinuität geschlungen Werden getreu dem . hehren Gedankengebäude 2er Propheten, und eine neue, tiefere Pietät wird die Seele ergreifen, die sich nicht imKsthalten lieber Gebräuche, noch in ihrer Kitgemäßen Unrformung erschöpft, sondern ihre Betätigung findet Iin dem starken Pulsschlag des lebendigen Lebens.