Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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18 - Ar. Gaüinyrr: Kon drr Krlbstachtuug »» '' . ' »» Wir dürfen dabei nicht cm der Oberfläche basten. Noch einmal, die Selbstachtung ist unteilbar, sie muß sich auch auf alle Teile unserer jüdischen Persönlichkeit erstrecken. Das Judentum ist nicht nur eine Gemeinschaft des Bekenntnisses, sondern auch des Stammes und der Entwicklung; beides natürlich 'meinandergreifend, die religiöse Weltanschauung nicht ohne Lne Geschichte, die Stanrmeseigenart nicht ohne das religiöse Moment denkbar. Gerade in fortschrittlich denkenden Kreisen hat man oft nur die eine -Seite, die Gemeinschaft des Glaubens, gelten lassen wollen; man hielt mit denr Augenblick, in dem die deutsche Iudenschaft vor rund einem Jahrhundert bewußt den vollen liebergang in die deutsche Kulturwelt vollzögen und sich bürgerliche Gleichberechtigung errungen hatte, alles Trennende für abgetan und glaubte es seinem deutschen Empfinden und der Bekämpfung böswilliger Rassenargumente ZU' schulden, daß man alle jüdische Eigenart nach außen, wie sich selbst gegenüber, abstritt, ja deren Betonung wie eine Beleidigung empfand. Wir haben uns mit .dieser Denkweise, nicht genützt. Unsere Feinde haben wir nicht überzeugt, im Gegenteil, unser Bestreiter war ihnen nur eine Bestätigung, daß ' wir uns der Zugehörigkeit zum Judentum zu schämen hätten. Wohl aber haben wir selbst damit Schaden an der Seele gcnonnnen. Denn es braucht nicht ausgeführt zu werden, wie solches Denkprogrannn auf alles Wollen und handeln abfärben, schwache Lharaktere zur Verleugnung ihrer selbst, zu würdelosem ZTTimicry* verleiten lmö auf jeden Fall die gerade, aufrechte Entwickelung der Persönlichkeit beeinträchtigen mußte. Glücklicherweise hat sich, ein Zeichen vorhandener Lebenskraft, hiergegen eine Reaktion gebildet. Und auch den an sich gewiß nicht erfreulichen Zionismus in Deutschland betrachten wir als Zeichen einer solchen. Denn man soll uns nicht einreden, daß Tausende deutscher Juden, die in deutscher Bein tat, Sprache, Schule und Kultur aitfgcwachsen sind, plötzlich die Sehnsucht mach eittetn treuen, int Grient sich aufbauendett Lebeu mit hebräischer Muttersprache befallen hätte. Nein, matt will nur wieder eintttal frei mit geraden! Rücken und erhobcttem Baupt dastehen; und man sucht sein Ideal unter frentden Gestirnen, tvährend doch die ittnere Freiheit und Selbstachtung nur des eigenen, freien, entschiedenen Willens bedarf. In deiner Brüst sind deines Schicksals Sterne t Und enthält die jüdische Gig enart neben ihren aus der Entwickelung zu er' klärenden Schwächen, nicht auch Werte, die das Judentum mit berechtigtem Selbstaefübl , erfüllen dürfen? Man fordere ttur, daß cm diese werte nicht der Maßstab des Alldeut scheu angelegt wird, sondern der einer allge mein menschlichen Gesinnung. Das bekanttte jüdische Familienleben ist nicht das Einzige; obwohl es sicher nicht von einer schlechte,! Qualität des Menschentums zeugt. Wenn der Jude für das Seelenleben anderer, für künst torisches Schaffen aber besonders auch für menschliches Leid feines Verständnis besitzt, den sozialetr Fragen mit warmem Kerzen und opferbereit gegenübersteht und sich mit seinen Sympathien und Kräften überall an die Seite der Unterdrückten stellt' wenn ihm die Kunst der Menschenbchandlung eigen ist, als deren Beispiel von Alters her der jüdische Arzt be sonderen Vertrauens sich erfreut und das gleiche Vertrauen auch anderen ein Einfühlen und Mitfühlen erfordernden Berufen wie dem des Anwalts in besonderem Maße zuteil wird, wie auch der jüdische Richter nach bekannter Erfahrung zu den besten seines Berufes zählt; wenn jüdischer Fleiß, Pflichtge fühl, Achtung vor dem Eid und Rechtlichkeits sinn den den Dingen näher Stehenden wohl bekannt sind; so spricht das genügend dafür daß die jüdische Eigenart positive, für Staat und Gesellschaft wertvolle Faktoren enthält. Dazu konmtt eines: die sittliche Kraft be ntißt sich nicht ,mr nach dem Können, son dern ntehr noch nach den. Wollen und Streben. Alles Irdische ist unzulänglich: doch „wer immer strebend sich beinüht, den können wir erlösen". Und niemand kann leug neu, daß im jüdischen Wesen ein gewaltiger Zug nach oben besteht, der sogar in der südi schen Selbstkritik sich bestätigt findet; ein Stre ben nach imnter besserer Ausgestaltung der eigenen Persönlichkeit; ein außerordentlicher Bildungsdrang; ein unablässiges Bemühen. Fehler abzuftreifen; eine scharfe Reaktion gegen Angehörige der Gemeinschaft, ^re dieser zur Unehre gereichen. Besonders dieletztere Moment kennt nienraud besser als :r,r selbst. Es ist die bedauerliche Kehrseite dieser Dottkweise, daß wohl in der ganzen Welt kein