Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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| GERMAN | JTJDAiC, JTlonatsfdirift für die religlölen Interessen des Judentums herausgegeben van der _ Vereinigung für das liberale Judentum in Deuffdiland unter,der Redaktion van Dr. Caefar Seligmann, Rabbiner in frankfurt a. ITl. No. 3 und 4. Jahrgang 10. fflärz u. Rpril 1918.;i < Von der Selbffachtung. von Redifsanroalt Dr. Gallinger-Ilnrnberg. o sehr wir alle uns an der Hoffnung auf baldigen Frieden erfreuen, der Ausblick in die Zukunft ist für uns deutsche Juden nicht frei von schweren Sorgen. Wir müssen, wenn nicht alle Zeichen trügen, mit einer südenfeindlichen Bewegung rechnen, die durch die allgemeine seelische und wirtschaftliche Depression eine starke Nahrung finden wird. Zn diesem uns aufgezwungenen Kampf geht es ums Ganze, um bürgerliche und gesellschaftliche Stellung, um Geltung und Lhre in der deutschen Gemeinschaft. 'Ls gibt kein Leben ohne Lhre. Das bezeugen im Grunde auch die zur Taufe Abfallenden; ihre Schwäche ist, daß sie das, was ehrlich erkämpft und behauptet fein will, durch eine Unwahrheit zu erkaufen suchen. Solche und andere Aeußerungen der Schwäche aber erzeugt ein lange Zahre sich hinziehender, zermürbender Kampf nur allzuleicht, wo nicht die innere Kraft des Charakters das Durchhalten, ermöglicht. Kein Zweifel, unsere Lhre kann uns niemand rauben; sie ist ein unverlierbares Gut. Allein es besteht eine eigenartige Wechselbeziehung zwischen der Lhre und ihrer äußeren Anerkennung und Betätigung. Ls ist mit der moralischen Kraft fast wie mit der körperlichen, sie erlahmt, wenn man sie nicht ausübt. Der erste Schritt zur Betätigung der Ehre aber ist, daß man sich stets seiner inneren Würde bewußt ist; der zweite, das Verlangen nach voller Geltung, folgt dann mit Notwendigkeit von selbst. So ist die Lhre untrennbar vom Ehrgefühl, der Einspruch auf äußere Achtung untrennbar von der Selbstachtung. Und schließlich, die Lhre des Menschen ist ein unteilbares Ganzes. Man kann mchl für einen Teil seiner Persönlichkeit ehrbewußt, für einen anderen Teil gegen Lhre s und Würde unempfindlich sein. Die Zugehörigkeit zum Judentum ist ein wesentliches Stück unserer Persönlichkeit. „Dir kannst du nicht entfliehen", sagt Goethe. Und es gibt darum für den Juden kein volles, den ganzen Mami erfüllendes Lhrbewußtsein, wenn es nicht seine jüdische Seite mitumfaßt. Lr kann sich als Menschen nur achten, wenn er sich auch al- Zuden achtet. Bedarf es dieser Mahnung? Man muf diese Frage wohl besahen. Unter dem Einfluß Jahrhundertelanger Bedrückung und Schmähung haben wir ein gut Teil des Selbstvertrauens, der zum Leben nötigen Freud« an uns selbst, eingebüßt; es geht uns wie den Verwundeten, der sich gar nicht mehr in Spiegel sehen will. DaM, aus den gleicher Ursachen, eine unmäßige' Selbstkritik, die ü Lrnst und Scherz, bis zur Selbstzerfleifchunc geht. Das ist eine seelische Stimmung, di< nicht zur Selbstachtung, sondern zum Gegenteil führt, die eine innere Zerrissenheit in Gefolge hat, und die zu bekämpfen vor allen die Aufgabe der liberalen Bewegung ist. Dem liberales Zudentum bedeutet lebendi ges Zudentum; Leben aber ist gleichbe deutend mit Lebensfreude, Selbstbewußtfen und Selbstbehauptung.