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Liberales Judentum · 1918-03-01 · Heft 3-4 (März 1918) · p. Seite 19

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 3-4 (März 1918)
Date
1918-03-01
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
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Kr. Gaüiugrr: Usn der Selbstachtung 19 ‘ Stamm, feine Nation, Feine Gemeinschaft besteht, die sich so sehr ihrer vorhandenen oder Vermeintlichen Fehler und so wenig ihrer Vor- ' zgge bewußt ist, und die sich so leicht in die ihr auferlegte Aschenbrödel-Rolle findet, wie die unsere, -wenn in ernster Zeit eine Mahnung erlaubt ist, so wäre es darum nicht die za einer sich selbst herabdrückenden Bescheidenheit, sondern die: Mehr Lebensmut, mehr Stzllz, mehr Selbstgefühl! Eine Anmerkung hierzu kann freilich nicht zaruckgedrängt werden. Alan achtet sich selbst, indem man sich in seinesgleichen achtet. Ls bedarf nur dieser Andeutung, um zu erinnern, was rvixin dieser Ginsicht uns selbst schulden, und wie sehr die Selbstachtung leiden muß, wenn an Stelle der guten Formen gegenseitigen Respektes ein nur scheinbar harmloses Suhgehenlassen tritt. Dem Verfasser dieser Zellen bleibt unvergeßlich, wie ihm vor mchreren Jahren, als er in eine Debatte an einer Goteltafel einzugreifen Veranlassung . fand, von unfreundlicher Seite entgegengehalten wurde, die Juden hielten ja selbst nichts auf sich, das sehe man aus der Art, .wie sie selbst voneinander zu sprechen pflegten, hierher gehört auch das Kapitel rom jüdischen Witz. Lr ist meist gut, oft glänzend, der Selbstachtung aber stets gefährlich. Vielleicht geht es noch manchem so, daß er im herAichen Lachen über eine gute jüdische Pointe einhalten und an das Wort denken nach: Spottet seiner selbst und weiß nicht wie. Wir können und müssen dieser Selbstentwürdigung steuern und dazu beitragen, daß der Ton der kserrnfeldwitze verschwindet, nicht um unserer Gegner, sondern un, unser selb st willen. Dann darf es sich freilich auch nicht wiederholen, daß wie letzthin eine sonst ausgezeichnete, führende jüdische Zeitschrift einen witzelnden Dialog dieser Art zwischen zwei poifacFcn, natürlich im Jargon, den Lesern vorZusetzen wagt. . Wenn es gelingt, Selbstachtung und Selbstgefühl, im besten Sinne des Wortes, in nuferen Reihen zu erhalten und zu stärken, so wird das vor allem auch der religiösen Kraft des Judentums zugute konnnen. Denn Stamm und Religionsgeineinschaft, weltliche und religiöse Persönlichkeit sind im Juden nicht zu trennen; ihre Verbindung wurzelt in der Geschichte. Das Gewordene aber ist für uns Menschen der Gegenwart nicht Zufall, i'on-! dorn Notwendigkeit; wir sind aus dein Boden' unserer geschichtlichen Entwicklung heraus-.! gewachsen, tragen ihre Züge und atmen ihren Geist. Za das BarL» mit der Vergangenheit ] ist ein so festes, daß es sogar vorn religiösen Lmpfinden mitumfaK wird und im Gefühl der pietät einen im Judentum besonderinnigen Ausdruck firüket. So weitet sich da-^s Persönliche von selbA zum Interesse für die Geiueinschaft; und Wir wissen, daß noch in unserer älteren 'Generation eine Liebe für das Judentum bestanden hat und besteht, die weit über religiöse Bezichnngen hinausgeht und sich der für die eigemr Familie au die Seite stellt. Aus der stolzeu Selbstachtung des Linzelnen muß so ein freudiges „Bekennen" zur Geineinfchaft erwachsen, das den der Gefahr der Lntfreindung 2lusgesetzten auch dern inneren Gehalt des Judentums wieder näher bringt. Und gerade Mt dieser bewußten Gingabe an das angcftaaimte religiöse Gut erschließt sich wiederum selbst eine neue und die lauterste Quelle des Selbstgefühls. Nie- .»iand wird verlange^» daß der modern denkende Mensch seine rEgiöse Weltanschauung ausschließlich auf der Grundlage des ererbten Glaubens aufbaut; unfet* Inneres ist nicht wie ein wohlgeordnetes Schulzeugnis, das alle Disziplinen säuberlich sondert, unser religiöses Denken ist von Sckenntnissen aus Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Wirtschaftsleben, kurz aus allen Quellen der geistigen Kultur überhaupt beswflußt; wir sind, auch wenn wir dein höchsten, ,rnd Geiligsten Nachdenken, Kinder unserer Zeit. Mit um so größerem Stolz ,uuß es uns erfüllen, daß gerade die jüdische Lehre, deren Kern die Wahrheit von einen, einzigen, ewigen, rein geistigen Gott bildet, m ihrer Reinheit und Klarheit mit dem inodamsten Lmpfinden vereinbar ist und uti£- alle die Gpfer des Denkens erspart, die) maiuhes andere Glaubensbekenntnis M übenvnüsen nötigt; ja daß diese einfache Lehre mit dem auf ihr sich aufbanendeu Sitteugesetz gerade inmitten zersetzender Kämpfe erst recht als eine Religion reiner Gumanität erstrahlt. So führt durch Las erstarkte Gefühl eigener IVürde hindurch ein gerader sicherer weg zur Dichtung, Tr»e und Verehrung für die Gemeinschaft. McM es gelingen, auch unsere Jugend auf Liesen, Weg festzuhal-

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