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Liberales Judentum · 1918-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1918) · p. Seite 11

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Error» SrLigmanu: Air iitän. im jiuigfim iuaifL,::’. Aruru» i: Die Bibel im jüngsten deuffchen Drama. Von Referendar Crwin Seligmann-frankfurt a. ffl. uf neuen IDegen suchen junge Dichter zumneu enDrama vom Ringen geistigerMächte vorzudringen. Ueberwunden ist der Naturalismus und jene Lindruckskunst, die keine Melden mehr kannte und ihre Menschen als Belastete von Geburt her, Getriebene und Verfolgte von Umwelt und Zufall, hinsiechen oder zusammenbrechen ließ. Sic konnte wohl Elend und Schmutz, Laster und Schuld aufweisen und in grauenerregenden Bildern erschütternd formen, aber nicht lösen davon und Erlösung bringen. Sie machte den Acker'unserer Seele empfänglich und lockerte seine Härte, daß wir uns an die Brust schlugen rmd sprachen: Mea culpa, mea maxima culpa, aber sie wies nicht den IPeg zur Sühne. Oder sie malte in zartesten Farben jede feinste Seelenregung, jede zitternde Stimmung, umhüllte das Leben mit Schleiern sehnender Träume und ahnender Mystik, aber sie fand nicht den U)eg zur befreienden Tat. Ihr mangelte letzte Größe. Heute erwacht in den jungen Dichtern wieder das Drama der Tat, die geboren aus seelischer Not und tiefstem Drang, brutal, schreiend, hemmungslos auf die Welt einstürmt. \ Und im Ureislauf des ewig notwendigen, immer gleichen Geschehens, kehrt die jüngste Kunst zurück zum Anfang der Weisheit, zur ehrwürdig alten Bibel. Angewidert von den »ruhelos halben Nervenmenschen unserer Tage, die »ihn nicht zur Darstellung reizen, hält der Dichter von der Warte der neuen Zeit aus Umschau unter den ragenden Helden der Sage und Geschichte, um hier Körper zu finden, die er mit seinem Sehnen, seinem Kampf, seinem Jubel und seiner Verzweiflung erfüllen kann. Er greift zur Bibel, gepackt von der überragenden Menschlichkeit ihrer Gestalten. Eine überraschende Fülle biblischer Dramen entsteht. Ein David, ein Saul, A b i g a i l und Nabal,Salomo,Simson, Adam, Ieremia. Die fernen Gestalten, uns vertraut aus der biblischen Geschichte, werden leibhaftig vor uns hingestellt und aller, sagenhaften Unwirklichkeit entkleidet. Mit harten - fanden packt sie der Dichter und reißt sie in unsere Tage hinein, läßt sie aufwachsen zu Menschen unseres Geschlechtes, daß sie von demselben Zwiespalt wie wir zernichtet, vom gleichen Wollen getrieben, Träger unserer Gedanken, Inbler unserer Freuden, Weinende unserer Verzweiflung, Täter unserer Taten werden. Kein Geschichtenbuch und kein Heldenlied eines Volkes auf Erden, das in gleicher Weise sich nie erschöpfte. Erbe jeden Geschlechtes, ist doch noch keinem die Bibel zum endgültigen Besitz geworden! Und heute hat ein neuer Kampf um die Bibel begonnen, ein Kampf.der Liebe und nicht des Hasses, der die widerstrebende stch untertan und zu eigen machen will. Das Überwältigende der altbiblischen Gestalten, die Menschen sind und nichts weiter, unbelastet von Ueberlieferung und Konvention, 'Gefäße von himmelragender Größe und erdverwachsener Tiefe, hat auch Nietzsche, der Vorsprecher so vieler Gedanken unserer Tage, gespürt und vorausschauend das Wort geprägt von der größten Sünde wider den Geist, das Neue Testament mit dem Alten zu einem Buche zusammengestellt zu haben. Und seltsam, jener Hermann Burte, der vor wenigen Jahren in seinem Wiltfeber das Lied vom ewigen Deutschen, dem edelblonden rassisch-völkischen Germanensprossen gesungen und sich darüber empört hatte, daß in deutschen Kirchen den deutschen Bauern vom Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs, dem engen Stammesgötzen des jüdischen Volkes vorgexredigt wurde, ist vom Saulus zum Paulus geworden. Er verkündet jetzt im „Simson" den Sieg des einzigen, geistigen Israelgottes Eloah über den Dagon der Philister. Auch ihm wird das jüdische Buch zum. lebendigen ^uell für sein deutsches Schauspiel. Eben wcÄ die Bibel, volklos und zeitlos, ein Buch der Ewigkeit ist, kann sie jedem Geschlecht zum adäquaten Ausdruck seines Empfindens werden. Durch die Bibel schwingt in wechselndem Rythmus der ewige Dreiklang von Mensch, Liebe und Gott. Das ist ihr Stoff, der in immer neuen Formen zur Anschauung gebildet wird. Der Mensch, das Subjekt alles Geschehens und Erlebens; Gott, das Ziel, die sittliche Forderung, der idealistische Welt-

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