Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Pimaiflim: „ßiu?nr ibr11" wiSs, in al! das, was die Eigenart des Zu-! desürms aüsrnacht und es von anderen Gedessebilden unterscheidet. <ln den LebensbK>ern der biblischen Melden, an den Wor- 1«E in denen ihre Frömmigkeit Sprache gerrÄnt, erleben wir selbst es mit, wie man das- Gefühl der Demut in der Entgegennahme elfen Schicksals paart mit dem aufrechten Sbf$ der Selbständigkeit des sittlichen bjem* delss, wie man in der fröhlichen Gewißheit dersittlichen Kraft, mit der der Mensch von Gott begnadet ist, das Zentrum aller Frömmigkeit gewinnt; von ihnen her strömt in unsere Seele das Gefühl für die innere Notwendigkeit, Ln dem Aufbau der menschlichen Gemeinschaft die Gerechtigkeit in gleichem Wert neben die Liebe zu setzen, nicht Liebe altern, die frei sich schenkende, nichts "vom Meschen fordernde als die Herrscherin der Weit anzusetzen, sondern Gerechtigkeit und Liebe nach dem Znhalt des Wortes Zedakah n» «ns zu fetzen. Man braucht nur ein paar Bsßpfalnren zu lesen, um alsbald die ganze 563tmung des 2Kenschen in sich aufzunehmen, der feine Freiheit zur Umkehr als feste Gewiß- HM in sich trägt, um alsbald mit seiner Seele hemmsch zu sein in der jüdischen versöhnungsletzre, die der Welt den Glauben an den erbarmenden und verzeihenden Gott geschenkt hah. und die neben diesem von Liebe zu den Geschöpfen erfüllten. Verzeihung gewähren- -»dePp Seelen entlastenden Gott die aus eigener Kraft fließende, von dem Bewußtsein sittlicher Selbständigkeit geiragene Besserung fasert. Zst man nur erst oimnal mit den hymnischen Ergüssen der Freude über die Mffenborsng Gottes in unnnttelbare Berührung geköDunen, so ist man wahrhaft gefeit gegen all das Gerede über die drückende Last des 'Gesetzes, über den zornigen und ewig eifernden Gott der Bibel, der wie eiin strenger König über die Menschen regiere und dessen unerfüllbare Forderung den Menschett p>n ewiaes SckMdgefühl Rmfzwinge, jenes Gerede, mit dem man das Judentum zu einem überlebten undüberwundenen Geistesgebilde stempeln nröchke, und das vonso vielen Juden gc* glcmb! wird, weil sie eben den 6)uell des Zuden'ums nicht mehr getrunken buben. Man muß in der Bibel immer und immer wieder lesen, um die Form der jijdischeu Ke* ligrofträt kennen zu lernen uird in sich aufzn« nehmen, die sich offarbart in der Forderung nach Entscheidung, nach Entschiedenheit h allem menschlichen Tun, daß man nicht nach zwei Seiten hinstrebe, daß man me halb da. Gute tun kann und dabei noch mit einem Teil der Seele im äLten schlechten Weg ver* harren kann, sondern es ganz tun muß, jene Form der Religiosität. die sich kundtut in denr- Rerlangen nach dem a^rs dem eigenen Ge* wissen quellenden in Aerbeck geschöpften Siel* entscheiden. ' . Man muß die ckiblischen Weissagungen von der kommenden Zeit des Messias selbst lesen, um die ganze Eigenart des jüdischen messianischen Gedankms zu empfinden, seinen gewaltigen fortreißenLen Charakter, daß el nicht wie der christliche auf das Einzelindi« viduum und dessen Kühe und Seelenfrieden, auf die Stilfe nach Mer Bewegung hinzielt sondern auf die Morschheit als ein erst zu schaffendes, von reinstor Gerechtigkeit regiertes Gebilde hinzielt und ccho die ewige Bewegung, die stete Anspannung Utes Willens verkörpert. Gewiß,. vieles v§n all dem ist auch in den vielen prach^d^eu^-eüsprüchen des Talmuds enthalten, undWer ist wahrhaftig rem Gegensatz zwischen Bibel und Talmud, aber es ist ein anderes, gelc-Mntlich den einen oder andern Ansspruch als Lehre zu vernehmen, und ein anderes, in dm Gestalten der Bibel und in dem zusamnmrhängsndeu Ausdruck ihrer Frömmigkeit ein geschienenes Bild der Persönlichkeit in sich anffzunebmen, es ist eben gerade das Persöulichr in der Bibel, das so fortreißend und eigenes.Leben erweckend wirkt. . Auch in der Bibel ist Gesetz und Befehl, aber nicht das Gesetz, das die Einzelglieder jeder Tat voransbestckrmt und den Witter/ einschnürt, da ist nur de allgemeine Richtung und das Ziel gegeben und der Handelnde, der von diesem Gesetz ergriffen wird, kam» seine volle Seele in die Tat hineinlegen, und was er nun von der Ilürcht des Gedankens ergriffen tut, ist sein persönlichstes. Mit einer» Worte, dort ist nicht 2Lligion, sondern Religiosität So würde mar» durch die lebendige und unausgesetzte BeriLbruug mit der Bibel zu einer positiven FrÄrmigkeil angeregt werden, ja noch mehr, das Sichvertiefen in dii Bibel würde dank dem Willen, aus dem es bervorging, unter der Land zu einem posi-