Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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iir. Smim-ann: ,.i;iu rav liibdl" 2 0 Ls ist eine Zauze 5ülfc von vLatfaiyn ‘ und Erwägungen, die bi er unfern .Widerspruch herausfordern. . Linmal ist es die Lr kenntuis, daß der Talmud und das rabbimsche Schrifttum bei der Zlusgestaltung der Gesetze, die das religiöse Leben nn einzelnen regeln sollen, von bestinimten Grundsätzen m d Anschauungen und Urteilen über die Natur der Dinge ausgeben, die entsprechend der mittelalterlicher Denkweise aus einem gedanklich erarbeiteten und erschlossenen logischen Schema heranswachsen und nicht, wie es uns selbstverständlich erscheint, aus praktische, Beobachtung des Tatsächlichen. Talmud ind" rabbinisches Schrifttum bauen sich auf dem Gedanken auf, daß alle Lebensbeziehungen von der Re« . ligion und der religiösen Gesetzgebung zu kontrollieren sind, daß jegbche Betätigung des Menschen sozusagen ein Teilgebiet des Religiösen sei. Das war der nittelalterliche Gedanke überhaupt; inzwischen hat die Denkweise sich gründlich verändert, die verschiedenen Gebiete menschlicl en Schaffens und Denkens sind selbständige Bezirke geworden' wir halten zwar nach wie oor an dem leitenden Gedanken fest, daß in aller Lebensbetä- . tigung des Menschen das religiöse Bewußtsein des Sandelnden zur-l Durchbruch kommen Muß, daß alles Schaffen des Menschen von dem Gedanken au Gott verklärt .sein soll, daß alles Tun ein Gottesdienst sein soll, aber wir lehnen es ab das einzelne der Tat als unter der Aon trolle des religiösen Gesetzes stehend zu betrachten. Zu alledem kon mt nun steigernd und I 'zusammenfassend, de, Wunsch nach persönlicher Religion, d. h. der Wille sich nicht gängeln zu lassen, die Ablehnung aller Bevormundung und Ales dessen, was die fromme Tat zum konventionellen und darum unpersönlichen Schema herab sinken lassen konnte, der Wille, sich Ln Bezirk des Religiösen überhaupt nicht in feste Regeln einzuspannen, sondern aus der Kraft und der Richtung des persönlichen Gefühls den weg zu Gott zu suchen, die fromme Tat zu finden. Wir wrkten uyu, daß diese persönliche- Frömmigkeit jüdische Religiosität atrne, daß sic in irgendeil'er weise mit den reinsten und lautersten Ueberlieferungeu de> .Judentums Zusammenhänge, daß sie aus dein Quell gespeist uxrte, in dem der Strom des jüdischen Fuhlens aus den tiefsten .Tiefen mit der Kraft der Ursprünglichkeit hervorbricht, mit anderen Worten, wir wollen dabei an die freiesten und schöpferischsten Zeiten der jüdischen Frömmigkeit auknüpfen und eine Erneuerung des religiösen. Lebens anbahnen. Je weniger uns äll das in der Kodifizierung, die das Judentum ein für allemal festlegen will, gegeben erscheint, um so zwingender drängt sich uns die Ueberzeugung auf, daß es in der Bibel und dort am reinsten vorhanden ist, und daß wir an sie anknüpfen m ü s s e n,avenn wir dem persönlichen in uns die Richtung auf das 'Jüdische und die Gewißheit des Zusammenhangs mit dem Judentum geben rvollen. Zn ihr finden wir die Persönlichkeiten, die aus den Tiefen der Seele und nicht nach einer vorgefchrrebenen Form und Regel fromm sind. Zn ihr finden wir die Aeußerungen der Frömmigkeit, die bis in den letzten und' geringsten Buchstaben den Stempel des persönlichen an sich tragen, wo jedermann sich nach dem prachtvollen prophetischen Worte „einen Neubruch bricht". Altes können wir in ihr finden und erfahren. Bei den pfalmenjangern die flammenden und fortreißenden Lrgüsse eines in allen Lebenslagen sich bewährenden Gefühls des Verbundenscins nüt Gott, bei den Propheten das unbestechliche und durch nichts — nicht einmal durch die Liebe zum eigenen Volk — zu beirrende Rechtsgefühl, das glutheiße Bekenntnis zur sozialen Gerechtigkeit als der Grundlage allen Gemeinschaftslebens; überall erfahren wir da die innige Verbindung von universalistischen, weltweiten, velkorrrmspannenden Gedanken nüt dev unverbrüchlichsten Stammestreue, die fromme Gesinnung, die sich das Gesetz der frommen Tat in dem souveränen Gefühl des sicheren Besitzes Gottes gibt, Menschen, die sich nicht bequem, vom Strom ihrer Zeit und den Bedürfnissen und Meinungen der Menge treiben und tragen lassen, sondern die aus der Tiefe des sittlichen Gefühls heraus um der Wahrheit willen, die sie im Kerzen tragen, sich einer ganzen Welt entgegenstemmen und als Einsame der Wahrheit die Zukunft retten; und was noch wichtiger ist, wir finden alles das dort nicht als gelegentlichen Ansspruch und Gesetz, sondern als gelebtes Leben. Dort werden wir hineingeführt in die ganze eigentümliche jüdische Gedanken-