Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1918-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1918) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3126481-3126578-3126580--2326-3129173
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- Q a*c pr. PieneuraNN: „Qtu?av iiuui'. - Vorlesung. aus der Thora heute sich vollzieht, verfehlt sie ihren Zweck; ob einjähriger ob dreijähriger Zyklus, ob der ganze wochenabschnitt vorgelesen wird oder nur ein Teil, diese Streitfrage von einst ist heute schon etwas Gleichgültiges geworden, das Vorgelesene wird nicht verstanden; die Kenntnis des hebräischen ist derart geschwunden, daß man mit der Tatsache einfach rechnen muß, daß das Vorgelesene ohne Wirkung bleibt und dieser Teil des Gottesdienstes als ein toter j)unkt empfunden wird. Als in früheren Jahrhunderten bereits einmal eine solche Periode des Niederganges der Kenntnis der hebräischen. Sprache eintrat, da half man sich in richtiger Kenntnis der Tatsache, daß es ein Judentum ohne Kenntnis der Thora nicht gibt, 'damit; daß man in den Gottesdienst die Funktion eines Meturgeman, eines Dolmetschers, einbaute, der das Vorgelesene in hie Landessprache zu übersetzen hatte. Diese Einrichtung in moderner Form wieder ins Leben zu rufen, ist eine wahrhaft, liberale Forderung. Da wir teils aus Gründen, die mit dem Gemütsleben Zusammenhängen, teils um die Einheit der Zudenheit und den geschichtlichen Lharakter des jüdischen Gottesdienstes zu wahren, und nicht zuletzt um der Aufrechterhaltung der die verschiedenartigsten religiösen Schattierungen umfassenden Einheitsgemeinde willen den hebräischen .Charakter des Gottesdienstes in irgendeinem Ausmaß za -währen uns gedrängt fühlen und also das Wort der' Thora in fein'er Ursprache -ertönen soll, ist es nun erst recht eine Pflicht des liberalen Judentums, diese gottesdienstliche Zurichtung nicht zu einer leeren Form werden zu lassen, sondern ihr Sinn und Zweck zu verleihen durch die Vebersetzung in .die Landessprache. Wan mag das machen, in welcher Form man will, am besten wohl durch eine unmittelbar an die Vorlesung des hebräischen Textes sich anschließende zusammenhängende Uebertragung des vorgelesenen, jedenfalls nruß man von der Erkenntnis allsgehen, daß predigt ulld Schrifterklärung allein nicht ausreichen, die Kenntnis der Bibel zu vermitteln. Sie können beide immer nur einzelne besonders wichtige, besonders bemerkenswerte Gedanken und .Sätze hervorhebcn, rücken diese zudem naturgemäß in die Beleuchtung, die aus dem subjektiven Empfinden des Erklärenden heraus gegeben ist. es fehlt dabei immer n§ch die unmittelbare Berührung jedes einzelner und also der breiten Masse mit der Quclb selbst, so daß jeder die Worte der Thora 5r sich aufnähme mit dem Ton, der in ihnen nach ihrem eigenen Leben fchwingt und sw so mit den Erfahrungen und Erlebnissen und Bedürfnissen der eigenen Seele in VerLmdung brächte. Ls wird also für den G ottt e s d i e n st eine stete und nachdrückliche Folgerung des liberaler! Judentums fein müssen die Thoravorlesung nach dieser Richtung Hw auszubauen und auf diese weise ihr ihren Hlatz in der Begründung jüdischer Gedaukvr und Empsindungen, in der Erziehung zum Judentum zu sichern. Aber auch über Lrn Gottesdienst hinaus ist die ständige und umnittelbare Berührung mit der Bibel eine unabweisbare Forderung besonders für die libaialen Juden, was ist denn nun das, was Made den liberalen Juden aus seiner Denkweise heraus und um der Befestigung und Bekräftigung und positiven Richtung seiner religiösen Gesinnung willen zur steten AiÄiüpfnng an .die Bibel zwingen müßte? Das Zurückgehen auf sie muß sich mit innerer Notwendigkeit gerade aus dem Gegensatz Zu der Denkweise voll* ziehen, die in dc uribedingten Anerkennung und Verehrung des Schulchan Arvch gipfelt und in ihm und in dem ihm zugrundeliegenden Prinzip die Erfüllung Des Judentums erblickt. . was uns innerlich in das liberale Lager drängt, das ist ja der Wunsch nach persönlicher Frömmigkeit, nach Freihett in dem weg zu Gott und zu uns selbst, der Widerspruch gegen Me Einschnürung und Reglementierung der Araktischen Frömmigkeit Bei aller Ehrfurcht vor .der Geistesarbeit, die im rabbinischen Schrifttum verkörpert ist, und vor -der Tiefe Des religiösen Gefühls, das in ihm und seinen Trägern sich ausprägt, ist es doch nicht zu Leugnen, daß sich, besonders seitdem es nütdem Siege des Schulchan Aruch aus.dem freien Flusse der Entwicklung in eins ihn ursprünglich fremde Starrheit und Geburüdrnheit hineingeraten ist, eine Richtung herarCgebildet hat, nach der sich Religion mit eimm Unverbrüchlichen Gehorsam gegen bestimmte, das Leben bis ins kleinste hinein regekids und beherrschende Vorschriften decke. Dagegen lehnt sich unser inneres Fühlen auf.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.