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Liberales Judentum · 1918-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1918) · p. Seite 6

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Ar. Arenemann: „Mn zur Kibel!" iin zur Bibel!“ m Rabbiner Dr. Dienemann in Ratibor. s ist eine offenkundige Tatsache, daß die Bibel in jüdischen Kreisen in den letzn Jahrzehnten eine derartige Vernachlässinng erfahren hat, daß man getrost und ohne rnderliche Uebertreibung sagen kann, daß e weiten Kreisen ' der westeuropäischen sudenheit aus dem Bewußtsein geschwunen ist. , /'Zwar wird in jedem gut und modern msgebauten Religionsunterricht der Sibellektüre ein gewisser, mitunter sogar sehr weiter Raum gewährt, aber es ist zunächst überhaupt die Frage, ob diese Bibellektüre bei Menschen, die die Probleme des Gebens, des Einzel- und des Völkerlebens, noch Nicht aus eigener Erfahrung in ihrer ganzen Wucht kennen, die volle Frucht zeitigen kann. Man muß vielleicht selbst erst mancherlei erlebt haben, vielerlei erfahren und beobachtet haben, muß durch schwere Sovgen und Zweifel, durch Hochstimmungen und kampfbeendende Friedensgefühle hindurchgeschritten sein, muß zwischen .unruhevollen Spannungen der Seele hin- und hergeschüttelt, zwischen Widersprüchen hin- und hergependelt sein, muß die Rätsel des Werdens und Entstehens, der Blüte und des Niederganges der Völker und Staaten aus reifer Erfahrung in ihrer Schwere empfunden .haben, um in den Worten der Bibel das Bild des eigenen Lebens wiederzufinden, aus ihnen den Antrieb zur Tat zu gewinnen. Aber selbst wenn die Bibellektüre im Unterricht so fruchtbar und gewinnbringend ist, wie wir es annehmen, was nutzt sie schließlich? Mit dem Unterricht hört diese Berührung mit der Bibel in der Regel völlig auf, ohne in fruchtbringender weise wiederzukehren und sich zu erneuern, denn in dem jüdischen Hause hat die Bibel ihren Platz verloren. Sie wird nicht gelesen, sie spricht als Element der häuslichen Erziehung nicht mit; untev den Dingen, die den geistigen Eharakter eines Dauses prägen, die als Mittel der Gemütsbildung, als Anregung der Phantasie, als Erweckung des sittlichen Bewußtseins eine Rolle spielen, zählt die Bibel kaum — um nicht zu sagen überhaupt nicht — mehr mit. Wollte man einmal Nachfrage anstellen, in wieviel jüdischen Häusern eine Bibel vorhanden ist, man würde traurige Resultate erfahren, und dabei ist ja das Vorhandensein auch noch nichts; wenn die Bibel än irgendeiner Stelle des Bücherschranks einstaübt und nicht in ständigem Gebrauch ist, ständig in die Seelen einfließt, hat das ja auch keinen <Sinn und Zweck. : Nun ist es leicht einzusehen, daß damit in der jüdischen Erziehung und in der Erhaltung und Vertiefung des jüdischen Bewußtseins eine Lücke entsteht, die um so empfindlicher ist, als das, was in früheren. Zeiten die Kenntnis der Bibel zu einem Teil ersetzen konnte, die Vertrautheit mit dem nachbiblischen Schrifttum, unwiederbringlich verloren ist; einmal schwindet mit der Bibel die Wurzel und der Ausgangspunkt der jüdischen Gedanken aus dem,Bewugtsein,"so daß der ureigentümtiche Besitz der jüdischen Gemeinschaft an frommen Gedanken und Gefühlen als solcher nicht mehr gekannt wird, sondern da sie nun aus der christlichen Umwelt in die Seelen hineingelangen, als christlich empfunden werden und so dem Christentum auf Kosten des Judentums das Urteil der überlegenen Tiefe eintragen; vor allem aber wird damit die Kontinuität des jüdischen Geistes, feine ununterbrochene Fortpflanzung in der Reihe der Geschlechter abgerissen, denn auch der beste Unterricht eines Systems der jüdischen Lehre kann die Quelle selbst in ihrer Fruchtbarkeit nicht ersetzen. .. . . . . Muß man so die Forderung erheben, daß aus allgemein jüdischen Gründen der Bibel eine - aufmerksamere Würdigung, ein liebevolleres Sichvertiefen gewidmet werde, fo treten noch mancherlei Gründe hinzu, die all dies für den liberalen Juden zu einer besonderen Pflicht erheben. Ehe wir aber diese Gründe uns erneut ins Bewußtsein heben, mag es nützlich sein, darauf hinzuweisen, daß mit Energie darauf gedrungen werden muß, daß im Gottesdienst der Bibel der Platz zurückerobert, werdender ihr nach ihrer zentralem Bedeutung für die Begründung jüdischer Frömmigkeit und nach der ganzen Anlage und Struktur des jüdischen Gottesdienstes zukommt. So wie die

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