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Liberales Judentum · 1918-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1918) · p. Seite 2

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9/10 (1918)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 O O o o Vr. Srligmann: Mas will das liberale Judentum unbequemen Pflichten zu entziehen/ an lVand gemalt. Dieser unentwegten Liberalen gibt es in unserer Mitte freilich nur wenige. Aber diese wenigen sind Kamxfnaturen mit der ganzen Zähigkeit und starren Prinzipienfestigkeit, die sich um jeden Preis durchzusetzen weiß und eines Einflusses auf gewisse Kreise immer sicher sein darf. Ihnen gegenüber stehen die anderen, die ihren Zweck in der Erhaltung des Judentums erblicken. Diesen ist das „Judentum" das Wesentliche. Sie können sich darauf berufen, daß schon die sprachliche Zusammensetzung: „Liberales Judentum" ihnen Recht gibt, indem „Judentum" das Hauptwort; ist und „liberal" nur die Modalität, die Besonderheit deS Hauptwortes „Judentum". Die umgekehrte Formulierung „jüdischer Liberalismus" würde etwas besagen, was selbst der - radikalsten Richtung innerhalb desliberalen Judentums nicht gerecht würde. Denn unter jüdischem Liberalisnms versteht man alles andere, politische. Literarische usw. eher als liberales Judentum. - Judentum ist ein religiös-historischer und religiös-soziologischer Begriff. Das Judentum als Religion ist eine geschichtlich-soziologische Erscheinung und unterliegt als solche den biologischen Gesetzen jeder Gemeinschaft Strebt der Einzelne nach Freiheit, so beruht die Existenzmöglichkeit der Gemeinschaft auf Bindung. Der Staat erzwingt diese Bindung' die Religion, der keine Staatsautorität helfend, zur Seite tritt, ist auf die Freiwilligkeit der Bindung angewiesen. So sagt schon Mendelssohn in seinem Jerusalem: „Der Staat gebietet und zwingt, die Religion belehrt und überredet." „Sie treibet nicht mit eisernem Stabe, sondern leitet am Seile der Liebe . . . Ihre Waffen sind Gründe und Ueberführung, ihre Macht die göttliche Kraft und Wahrheit." Um diese freiwillige Bindung und Unterwerfung der Einzelpersönlichkeiten dnrchzusetzen, muß demnach das Judentum wahr und überzeugend, liebenswürdig und schön erscheinen; es muß dem individuellen Freiheitstrieb so weit entgegenkommen, als dies möglich ist, ohne sich selbst aufzugeben. Das heißt, es muß liberal sein. Das ist der Sinn des liberalen Iudentmns. Gegen ihren Zweck der Selbsterhaltung bandelt die Religion sowohl, wenn sie um des die [ unentwegten Liberalismus willen auf jüdisch» ' religiöse Existenznotwendigkeiten verzichtet, als auch, wenn sie tote Formen und starre Dogmen, die von dem Leben und Denken abgestoßen und verworfen werden, eigensinnig festhält. Was die Mehrzahl als drückende Last empfindet, was das Leben hemmt und lähmt, was von der fortschreitenden Erkenntnis als vernunftwidrig und unhaltbar befunden wird, mit einem Wort, was nicht mehr lebendig ist und nicht mehr tzum Leben erweckt werden kann, das lehnt das liberale Judentum im Interesse der Erhaltung des Iudentums mit Entschlossenheit ab. Lebendiges Judentum ist die Grundforderung des liberalen Judentums. Hier liegt der Kernpunkt des Gegensatzes des liberalen Judentums zum orthodoxen Judentum. Weil uns die Orthodoxie nicht als lebenerhaltende, sondern als lebenhemmende Macht erscheint, weil ihre Theorie die Anpassungsmöglichkeit an das veränderte Leben verneint, weil wir sahen, wie infolgedessen von Generation zu Generation — trotz scheinbarer Augenblickserfolge der zielbewußten orthodoxen Partei — das orthodoxe Judentum an wahrhaften Anhängern und bestimmendem Einfluß auf die Geister verlor, darum find wir „liberale Juden". Dieser Gegensatz bedingt nicht mit Notwendigkeit einen Kampf. Was uns vereint, ist der gemeinsame Wille zur. Erhaltung des Judentums; was uns trennt, ist der Weg. Um so viel wichtiger das Ziel als der Weg ist, um so viel größer ist das Gemeinsanle zwischen uns als das Trennende. ' Auch der Zionismus will Erhaltung des Judentums. Und seine Erfolge sind groß und beachtsam. Aber der Zionismus faßt das Judentum als einen national-historischen und national-soziologischen Begriff. Das ist es, was uns trennt. Was uns das Wesentliche ist: religiöses Judentum, Religion als Inhalt und jüdische Gemeinschaft als Gefaß, das wandelt der Zionismus in das Entgegengesetzte um und erksärt die jüdische Gemeinschaft, das rein Soziologische, für das Wesentliche, gleichgültig, welchen Inhalt und ob es einen religiösen.Inhalt hat oder nicht. Wiederum bedingt der Gegensatz nicht einen Kampf. LDohl einen Kampf der Geister, ein Ringen uni die jüdischen Seelen, vor allem

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