Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- Seite 96 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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96 Rabbiner §. Gsttschalk: Hast rrnd Rrlrgion Gaß? Die Antwort wird verschieden lauten je nach dem Grade der Gesittung, welchen lein Mensch erreicht hat. wir wollen hier darlauf verzichten, an dem Verhalten unserer «Gegner deren Gesittung aufzuzeigen, wir «sprechen hier nur als Juden; da kann uns «auch nur daran•. liegen, jene Gesittung aufzuzeigen, -die unsere Religion uns lehrt, die Art des Gaffes zu begreifen, welche spricht: „Sie mögen fluchen, segne Du." Gs gibt für unsere jüdische Religion nur eine einzige Art des Gasses, den sie ' uns ertaubt; ja mehr als das, nicht bloß ertaubt, nein, den sie sogar von uns fordert,. den sie Mr heiligen Pflicht gemacht. Das ist der von-dem es in den Psalmen heißt:' „Die Feinde Gottes hasse ich, und Gottes Hassern zürne ich.'Mit tiefstem Hasse hasse ich die, und das sind meine wahren Feinde." Mit anderen Worten: der Gaß, den Juden hegen sollen, der hängt nicht ab von schwarz und weiß, hat nichts zu tun mit Volk und Rasse, wir Juden kennen nur einen Haß, er gilt den Feinden unseres Gottes, d. h. den Feinden alles Guten, gilt den Zerstörern jeder Lreue,' gilt den Verächtern jeder Wahrheit. Nicht den und jenen hassen wir, der gerade vor unsere Waffe kommt, nein, wir hassen nur den Geist, an dein er vielleicht Anteil hat. Ist aber das der Juden Haß, find unsere Feinde Gottesfeinde, so ist es ja auch völlig klar: sie sind nur göttlich zu bekämpfen. Denn mit den kleinen Mittelchen, die man am Anfänge des Krieges uns so wohlfeil angeboten, mit all den Torheiten . und Kindereien, die man so schnell herbeigeholt und die man längst vergessen hat, wird man einer so ernsten Sache nicht gerecht, was nützen denn die deutschen Grüße, wenn die Gesinnung undentsch ist? Was nützen denn die. deutschen Schilder, wenn unser Handel englisch ist? Rem, das hat nichts-von-Gottes Art, und das ist nicht in feinern Sinn, wollt ihr die Gottesfeinde Haffen, dann haltet euch auf Gottes, Höhe, und wollt ihr so wie Juden hassen, dann wißt erst, was die Väter taten. In jenen finstern Zeiten, die man das Mittelalter nennt, als man tausend Grausamkeiten, als. man tausend Folterqualen für unsere Väter ausgedacht, da gerade lebten jene Männer, die man die Sittenlehrer nennt, da haben Väter für die Kinder die Testamente hinterlassen, in denen zwar von Geld und Gut nicht allzuviel zu lesen ist, die aber von Liebe und von Menschlichkeit, von Duldsamkeit, Versöhnlichkeit beinahe überfließen, „wer in der Gottesfurcht nock neu ist," so schrieb damals ein Vater für feine Rinder auf, „der soll an jedem Morgen sprechen: Heute will ich Gottes Diener fein und will mich vor dem Gaß bewahren. vergeben sei dem, der mich kränkt; denn hartherzig und unversöhnlich sein, ist eine schwere Sünde, ist eines Juden gar nicht würdig." Fürwahr, der das geschrieben hat, in jenen finstern Zeiten,, der hat das Wort begriffen: „Sie mögen fluchen, segne Du." Und der Mann sagt uns heute noch: wollt ihr die Gottesfeinde hassen, dann dürft ihr sie nicht übertreffen an Schlechtigkeit und Grausamkeit, ihr müßt sie zu beschämen suchen. Neben sie Unrecht, übe Du Recht; verbreiten sie Gaß, streue Du Liebe aus. Und noch eines sagt der Manu wohl auch: dasselbe, was in jener unsterblichen Legende enthalten ist, die man immer aufs neue in Trinuerung bringen muß. Als an dem Roten Meeralle Äeg^pter untcrgingen, wollten die Gngel Lieder singen. Gott aber wehrte ihnen das und sprach: „Meine Geschöpfe gehen unter, und da wollt ihr mir Lieder singen?" Also auch die' Aegypter noch, sie, di: die Juden so gequält, sie bleiben die Geschöpfe Gottes. So hat Gott selber einst gehandelt, und so sollen auch wir tun. Nicht Tod den Feinden sei der Ruf, Tod der Feindschaft sei das Ziel. Nehmt jenes Gift nicht in euch auf, das Gift des Hasses und der Feindschaft! Macht eure Kerzen nicht zu Stein und laßt die Seelen nicht erstarren! So aber zu handeln -wird uns leicht, wenn wir das eine nicht vergessen, was uns von jeher Kraft. verliehen, was uns vor Schlechtigkeit bewahrt und uns auf der Höhe hielt. Und dieses eine sind zwei Worte: Adonaj schoftenu — was man am besten übersetzt mit einem Worte aus unserer Zeit: „Gott hält die wag' und das Gewicht." Gott hält das Schwert und das Gericht. Gott hält die Flügel ausgespännt. Blick' auf, o Vaterland!"