Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- Seite 95 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Rabbiner K. Gottschalk: Saß vnd KetiMon 95 gute Cat der Liebe, die vielleicht nur von einem schnell aufwallenden Gefühl desMitleids eingegeben ist. Lr verlangt nicht nur ciiekssä, d. h. Suld, liebevolles Tun, er verlangt von Dir ahawas chessed, das ist die ständige Neigung, die Liebe zu solcher Suldbereitschast. Cr verlangt von Dir, daß Du Dich zur Milde stets erziehst. Recht muß Recht bleiben, aber Du mußt gütig sein. Deine Religion lehrt: Liebe Deinen Nacktsten wie Dich selbst, und jeder ist. in diesem Sinne Dein Nächster, auch der, der Dich in Sklavenketten gehalten hat wie der Aegypter, auch der, der Dich haßt, der Dein Feind ist — T)u aber darfst nicht hassen. Das'Gebot der Nächstenliebe duldet keine Ausnahme. Und wenn Du so Deine j)flicht erfüllst und mit Gott wandelst, in Liebe und Gerechtigkeit, „in seinen Wegen", wie es so oft Ln der Bibel heißt, — nimm Dich nicht so wichtig. Du tust nicht mehr als Deine Menschenpflicht: wandte bescheiden mit Deinem Gotte, haznea lechess im eloheeho. Bescheidenheit, Z'nioss, hat man oft als eine Ligenschaft jüdischer Frauen gerühmt. Sie wirkten dirniuss. Sie suchten ihr volles Glück in hingehender Arbeit im Sause, das ihre Welt war. Sie sorgten sich um die Rinder, daß sie gesund, fromm und. fleißig heranwuchsen, um den Mann, der oft in schweren Mühen und Nöten für den Lebensunterhalt zu kämpfen hatte. Mit welch inniger verehrnrrg sah man auf sie und ihr stilles Walten! Alle Rechte räumte man ihr ein, ohne daß sie sie verlangte. Die neue Zeit stellt oft andere Forderungen an die Frau. Der ^Rreis ihrer Pflichten dehnt sich, und die Leilnahme am öffentlichen Leben, an selbständigen Berufen wird notwendig. Aber trotz des Wandels der Zeiten — bewahrt Luch jene altjüdische Frauentugend des Wen zurückhaltenden Mrfens." Auch in äußeren Dingen wahrt Luchdie schlichte Würde Eurer Bescheidenheit. Ir-mehr Zhr Wert legt auf das, was Ihr leistet, desto weniger werdet Zhr Sinn dafür hmben, äußerlich aufzufallen. Fallet nicht auf Durch Eure Kleidung, Lure Bewegungen, Limr Sprechen. Zn.allem lauten Wesen liegt Mr Vordrängen der eigenen Person. Laßt nicht die Farben und Formen Eurer Kleidung schreien und Ausruferdienste tun, weist nicht selbst gleichsam mit Fingern auf Luch hin, seid still und bescheiden! Mchas LwiDütswort gilt Dir, — cs gilt allen! <D, wenn die Völker der Erde die Mahnung des Propheten beherzigen möchten! Wenn sie sÄh endlich darauf besinnen wollten,,— „was gut ist"! Das Gefühl Wr die Wahrung des Rechts scheint völlig geschwunden, und die Neigung, gütig zu fein, öpffiir als ganz unzeitgemäß. Ls ist schon ein großer Fortschritt, wenn ein Volk milde über Las andere urteilt und sich in seine Lage versetzt. Und wäre nicht dieses grause Morden vermieden, wenn jede Nation etwas mehr die Forderung des bescheidenen Wandelns beherzig hätte! wenn sie Genügen gefunden, chr Glück in stiller Arbeit zu fördern in den Grenzen ihres Gebietes und in Freundschaft mit den Nachbarn? G möchtet Zhr„ liebe Kinder, die Ihr in so ernster Zeit dir Schule verlasset, bald wieder erleben, daA die Menschen sich ihrer Menschlichkeit erinnern, und vergesset Zhr im engen Kreise Eures Lebens und Eures Wirkens me das Wort, das die Völker vergessen haben: x „Ls ist Dir geftrgt, o Mensch, was gut ist; und was fordert der Ewige von Dir, als nur Recht tun Wid Güte lieben und bescheiden wandeln mit Deinem Gotte!" Haij und Religion. von Rabbiner B. Gottfdialk-Konitj. on all den vielen Fragen, die unsere Zeit aufgeworfen hat, ist vielleicht keine so wichtig, wie die eine: was ist's denn eigentlich mit dem Saß, von dem man so viel spricht? Wem gilt der denn, und wer verdient ihn? Muß ich, so fragt der Kämpfer oft, den Wann im Feld da draußen Haffen, der mir gcna&e gegenübersteht? Erkennt mich nicht, ich sah ihn nie, verstehe seine Sprache nicht, was soll ich gn dem Mann hassen? UnL' dann, wo fängt der Saß denn an, wo ihört er auf? Den Gegner lebend 3,11 vermöchten, das nennt man feine Pflicht erfüllen; doch den verwundeten zu töten, das heißt unmenschlich und auch grausam, was ist es also mit dem