Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- Seite 94 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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94 Ar. W. Spanier: Es ist Air gesagt, o Mensch, was gut ist €s ift Dir getagt, o rRenfdi, was gut ist. Sdiuirede 1017. Von Dr. Hl. Spanier-Berlin. hr, lieben Schülerinnen, die Ihr nun die friedlichen Räume der Schule verlaßt und, wenn auch wie bisher behütet von elterlicher Liebe, doch in größerer Selbständigkeit Euren weg geht, möchtet 'Ihr in dieser Abschiedsstunde nicht gern ein U>ori hören, das Euch geleitet, den wanderpfad erhellt und ein gutes Ziel zeigt? wir alle hören gern ein solches wort in einer Zeit, in der die Grundfesten dersittliche,: Welt manchmal erschüttert scheinen und man sich bang die Frage vorlegt: gibt es keine Wahrheit mehr? Ist die Menschenliebe gestorben? Sind die Unterschiede von gut und böse verwischt? Vor Jahrtausenden hat ein Prophet ein Wort gesagt, das heute noch gar nicht veraltet ist. Durch seine besten Erzieher in seinem Gewissen aufgerüttelt, lebte ein Volk in der Unruhe der Selbstprüfung. Aber in seinen engen Anschauungen, verführ: durch schlechten Umgang, quälte es sich mit dem Gedanken, durch welche Selbstpeimgung es die Schuld wohl büßen könne, welche Opfer es bringen müsse, um sich mit dem Göttlichen wieder zu versöhnen. Es war zu allem bereit. Das Liebste, das eigene Rind, wollte man hingeben, um den Zorn der Gottheit zu beschwichtigen. Man schaudert vor solchem Gpserwillen! Ob nicht einmal eine Zeit kommen mag, wo man auch schaudern wird vor der Größe der Gpferbercitschaft, in der auch heute so viele Eltern ihre Söhne hingeben auf dem Altar der Vaterlandsliebe? Ob nicht doch einmal eins Zeit kommt, die wir so gerne noch erleben möchten, in der der Rriegsruf verhallt und die Schwerter zu Sicheln umgeschmiedet werden? Dieses Wort vom beglückenden Frieden der Zukunft finden wir bei demselben Propheten, ^>ei "Micha, der jenes aufgeregte Volk mit dem milden Worte beruhigte: Higgid l’cho odom ma tow, umo adonaj ^doresch mimm'cho; ki im assoss. mischpot w'ahawas chessed w’haznea leckess im elohecho. Wie eine kühle, beruhigende Gand auf eine fieberheiße Stirn legt sich dieses Wort auf das erhitzte Gemüt, alle wirren und wilde,: Träume von Oxferbereitschaft und Selbstquälerei verscheucht es, und fest, hell und klar wie posaunenton klingt es: Es ist Dir gesagt, o Mensch, was gut ist! Ist es Dir nicht in: Innersten Demes Wesens gesagt? Die Stimme Deines Gewissens spricht eine klare Sprache, Du weißt ganz sicher, welchen weg Du gehen mußt. Aber es ist Dir auch. Du Volk Israel, ausdrücklich .gesagt. Rennst Du nicht jenes uralte Zehnwort, das Dir am Anfang verkündet, daß der ewig Unwandelbare, nur er. Dein Gott sein soll und das Dir dann die sittlichen Grundpflichten einschärft bis zu der letzten: Güte Dein Gerz, daß nicht sündiges Begehren aufsteige, daß Dein Sinn rein und lauter sei. Und als'ob der Prophet fürchtete: Du konntest immer noch meinen, diese sittliche Arbeit an Dir sei so schwer, daß Du verzagen müßtest, oder man verlange besondere Opferleistungen von Dir, bringt er alle Forderungen auf das einfachste Maß. Nichts anderes, er betont das ausdrücklich, nichts anderes verlangt Gott von Dir als zum ersten assos mischpot! Recht üben! Der eigentliche Sinn des Wortes entspricht nicht unserem: Tue recht! Mischpat ist das festgesetzte Reckst, das Gesetz, das unverrückbare. Dieses Recht übe! Sowie das Senkblei die Schnur strafft und keine Ausweichung zuläßt, so unverrückbar muß Dein Wille sein. Deine Pflicht zu erfüllen gegen jedermann. Laßt dieses Wort Euch zuerst gesagt sein: übt die strengste Pflichterfüllung eine jede von Euch an der Stelle, die ihr beschieden ist. Stärkt in Euch den Sinn für das Gerade, Richtige, Redliche und achtet das Recht eines jeden. Aber dieses-Streben nach Gerechtigkeit hat etwas Starres, Strenges, ja vielleicht etwas hartes und Rühles in sich. Mag es so fein, wenn Du dabei an Deine eigene Pflicht denkst. G,ier mußt Du unerbittlich sein. Gei streng gegen Dich selbst, — aber milde gegen andere! Der Prophet verlangt von Dir »hawa* chessed — das ist mehr als eine einmalige