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Liberales Judentum · 1917-09-01 · Heft 9-10 (September 1917) · p. Seite 91

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9 (1917)
Issue
Heft 9-10 (September 1917)
Date
1917-09-01
Page
Seite 91 (sequence 3)
Language
German
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Ar. Srligruarm: Zum hundrrtsten SrbnrtsLage von Sprich Graetz 9l Der Geschichtsschreibung. Und ohne Intuition ist eine Geschichte der Juden, die organischen Zusammenhang, Rythmus, Homogenität, Leben, Farbe, Blut besitzen soll, ebenso undenkbar. vor Graetz hatte von jüdischen Autoren nur Jost die Geschichte der Juden bearbeitet. Ihm gebührt — nach Graetz eigenem Ausspruch— das große Verdienst, für das Labyrinth einen Leitfaden geschaffen zu haben. €x hat auf viele vor seiner Zeit noch unbekannte Quellen hingewiesen und angefangen. Den Talmud als Geschichtsquelle heranzuziehen. „Aber er hat der heldenhaften jüdischen Geschichte einen trockenen philisterhaften Charakter gegeben und ihr den Schimmer geraubt, den;fie selbst in den Augen unbefangener christlicher Beobachter hatte. Er hat das vieltausendjährige Heldendrama in lauter Fetzen zerrissen." Graetz hat mit vollem Bewußtsein und mit zielbewußter Absichtlichkeit die Geschichte der Juden als Einheitsbild voll plastischer Anschaulichkeit darzustellen unternommen. In einem grundlegenden Aufsatz „Die Konstruktion der jüdischen Geschichte" entwickelt erden Gedanken, wie die chaotischen Klassen Der Geschichte von historischen Ideen zusamnrengehalten werden, wie diese Ideen unsichtbar die Begebenheiten begleiten und die ganze Geschichte Innerlich durchdringen und gestalten. „Die Geschichte", so führt er aus, „Zeitigt nur die Reime der Idee, und die 2Nannigfaltigkeit der Formen, in denen sich die Geschichte gefällt, sind nur konkret gewordene Momente der Idee. Die Tatsache kann bis zur. Evidenz bewiesen werden, daß die jüdische Geschichte in allen ihren Phasen, selbst in den scheinbaren Irrgängen des Zufälligen, eine einheitliche Idee versichtbart, daß sie eben die reale Explikation eines Grrmdbegriffs bildet." Und in der Vorrede zum Schlußband 'seiner großen Geschichte wendet er sich gleichsam in einem Abschiedswort an die Leser mit demselben Gedanken, wenn er sagt: „Wenn es mir gelungen fein sollte, meine Leser herausfinden zu lassen, daßauch in der vorläufig letzten pBafc darjüdischen Geschichte, die gewissermaßen vw unseren klugen verging, der wunderbare? Finger Gottes nicht fehlte, so würde es mich über die Fehler trösten, welche meiner Darstellung und Beweisführung vielleicht anhaften." So war fern Zweck eingestandenermaßen, die Idee, den Sinn tex jüdischen Geschichte aufzuzeigen. Und es uar ihm — um seines Zweckes willen — nichtiger, den pragmatischen Zusammenhang, die Entwicklung, den Sinn,, den Charakter Ler geschichtlichen Zeiten und Ereignisse nrchzuweisen, als jede Hypothese und Roirüination quellenmäßig belegen zu können, und es ließ ihn kalt, ob ihn peinlichere Gskehrte deswegen fürvoll oder nicht voll -cnsahen. Ihm lag an der Wirkung seines Werkes auf das jüdischeMrlk. Ein Erzieher und Erwecker zu neuem Kdischen Stolz und Selbstbewußtsein wollte er sein. Er iah in der Schaubühne der Geschichte eine moralische Erziehungsanstalt. Es weht ein heißer Atenr aus seinem Werk. Ein Hauch prochetischcn Geistes. Die glanzvolle, oft zu dicht-wifchem Schwung sich erhebende Sprache reiK den Leser mit sich fort. Besonders die Drrreden zu den meisten Bänden der großen GHHichte sind von geradezu klassischer Schöcheit und Rraft. Seine impulsive, temperamentvolle Subjektivität wurde ihm besonders verhängnisvoll beim letzten Bard seiner Geschichte, welcher die Zeit von Mendelssohn bis \848 behandelt. Nicht nur Lreitschke und selbst Ulommsen ließen ihren Anrnut an ihm aus, weil er seinem Groll i'ürr deutschen Judenhaß und manche deutsche Rückständigkeit in unverblümten Worten Ausdruck verliehen^ sondern guch fast alle jidischen Parteien und

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