Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9 (1917)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1917)
- Date
- 1917-09-01
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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') Ar. Srlismann: Zum huudrrLftrn GrburtsLagr vsn Zrmrich Grurtz .thodore wie liberale Juden schärften ihre seile gegen ihn. Als Gelehrter wie als chriftsteller, wegen, seiner religiösen wie um mer jüdischen Richtung willen mußte er die estigsten Angriffe über sich ergehen lassen, licht nur Treitschke, sondern auch Mommsen nd jüdische Gelehrte wie Breßlau und Geier redeten feindselig und geringschätzig von einer wissenschaftlichen Bedeutung. Von der historischen Kommission für die Geschichte der Zuden in Deutschland wurde er ostentativ lusgeschlossen. -Nicht zu reden von der Flut er Beschimpfungen, die der streitbare Führer »er Neu-Grthodoxie, Samson Raphael Hirsch, ein ehemaliger Lehrer, über ihn ergoß. wenn man sich nach den Ursachen dieser Anfeindungen fragt, so liegen dieselben — soveit nicht persönliche oder dogmatische Monente eme Rolle spielen — in der neuartigen wissenschaftlichen Individualität von Graetz. Der Schöpfer der neuen Wissenschaft des Judentums, Leopold Zunz, war der Schüler der großen Philologen Boeckh, Fr. A. Wolf und de Wette. Durch Zunz und feine klassischen Meisterwerke erhielt die Wissenschaft des Judentums ihr philologisches Gepräge. Seine und der großen nichtsüdischen philologerüMethode sich zu eigen zu machen, war der höchste Ehrgeiz aller Meister und Jünger der Wissenschaft des Judentums. Was nicht den Stempel philologischer Akribie an sich trug, wurde nicht ernst genommen, galt nicht «ls wissenschaftliche Leistung. Die ganze Wissenschaft des Judentums nahm fo, fortschreitend, innner mehr einen rein archaistischen, philologischen Ll^arakter an. Da erschien Graetz' Geschichte der Juden. Lin Werk, so unphilologisch wie nur möglich. In blendendem Stil geschrieben, voll Temperament und stärkster Subjektivität. Durchaus nicht sachlich-kühl und objektiv, durchaus nicht nach der kritisch-philologischen Methode der rem Ranke begründeten klassischen deutschen Geschichtsschreibung, durchaus nicht frei von kleinen und großen Mängeln und Inkorrektheiten. Absolute Zuverlässigkeit ist bei einer Darstellung der Geschichte der Juden geradezu ein Ding der Unmöglichkeit. Wer sich darauf beschränken wollte, nur das, was durch unzweifelhafte historische Dokumente belegbar ist, aneinanderzureihen, der würde über Regesten zur Geschichte der Juden nicht hinauskommen. Unzählige, oft recht weitausgedehnte, Partien der jüdischen Vergangenheit sind ohne nennenswertes historisches Dokument, große Perioden sind in ihrem werden und ihren Motiven ganz unaufgeklärt. Die Geschichte der Juden gleicht der Karte von Aftika, wie wir sie als Rinder vor uns sahen: weite Strecken weiß, ohne Eintragung, unerforscht. Graetz war der Livingstone und Stanlev der Geschichte der Juden. Entdecker von Neuland, das aber nicht, wie Zentralafrika, mit Augen geschaut und mit Füßen betreten werden konnte, sondern in nebelgrauer Vergangenheit lag. Aus zerstreuten Notizen und versteckten ^Andeutungen mußte der Stoff zusammengetragen werden. Um aber diese Andeutungen zu verstehen, um die toten Zeugen der Vergangenheit zum Reden zu bringen, um das kärgliche Material zu einer architektonischen Einheit zu gruppieren und ihm geschichtliches Leben einzuhauchen, dazu bedurfte es einer Gabe, die Graetz in hohem Maße besaß und die zugleich feine Größe und seine Schwäche ist, sein Genie und seine Verführerin: Intuition. Intuition mit ihren verschüchterten Genossinnen, geistreiche Kombination, anschau-' liche Phantasie, poetischer Gestaltungsdrang sind freilich schlechte Beraterinnen, wo es sich' um kritische Zuverlässigkeit und nüchterne Objektivität handelt. Dafür sind sie aber für die höchsten wissenschaftlichen Leistungen unentbehrlich. Ohne Enthusiasmrrs ist, nach Goethe, eine Kunst nicht denkbar; auch nicht die Kunst