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Liberales Judentum · 1917-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1917) · p. Seite 80

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9 (1917)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1917)
Date
1917-07-01
Page
Seite 80 (sequence 8)
Language
German
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£0 Kr. Snrrrvald: Ueder die naiwendige Ämgestaltnng des jüd. GaLtesLie-nKes schauungen über die Stellung' der Frau so stark, daß es unbegreiflich ist, aus welchen Gründen noch heute an dieser orientalischen Sitte so starr festgehalten wird. Weshalb sollen wir im Gotteshanse nicht unter unseren Frauen, Töchtern und Müttern sitzen dürfen? Die Familie geht zusammen in die Synagoge und sie braucht sich nicht plötzlich an der Türe zu trennen. Das mag vielen.nur als eine Aeußerlichkeit erscheinen, aber die bisher herrschende Sitte bringt das heute doch nicht mehr aufrecht zu erhaltende Prinzip „Mulier taeeat in ecclesia“ in so schroffer Weise zttm Ausdruck, daß mit ihm gebrochen werden muß. Wenn der Einzug der Frau in den unteren Raum der Synagoge zur Folge haben sollte, daß die 'Gemeindeverwaltungen der Frauen sich nicht nur dann erinnern, wenn ihnen soziale Arbeit aufgebürdet werden soll, so wäre das — nebenbei -gesagt — kein Unglück. — Das sind die wesentlichsten Grundlagen, auf denen sich meines Trachtens eine Rc- .jbrm des Gottesdienstes aufzubauen hätte. N^as aber kann geschehen, um sie einzuleiten und durchzuführen? Der Streit um das von dem badischen Gberrat empfohlene Gebetbuch mit seinen sehr milden Neuerungen zeigt deutlich, welcher Weg nicht beschritten werden darf. Zede Majorisierung und jede Beeinträchtigung der Gefühle derer, die an älteren Formen hängen, muß vermieden werden. Wie Sie sich vielleicht noch erinnern werden, lxibe ich vor mehr als zwei fahren im Frankfurter Gemeindeausschuß unter hinweis auf die vielfachen Klagen aus dem Felde über den Mangel an gemeinsamen Gesängen einen Antrag dnrchgesetzt, der die Ford wung des Gemeindegesanges verlangte, der aber leider ohne Folgen geblieben ist; bei der Beratung wurde von meinen damaligen konservativen Kollegen darauf h'.«gewiesen, daß für 7hre Synagogen der Ritus ein für allemal feftstehe, und daß Aenderungen, wie sie die stärkere Betonung des Gemeindegesanges bedinge, deshalb gar nicht in Betracht kommen könnten. Nun gut, wenn unsere Orthodoxen glauben, von ihrem Standpu «ft aus an den Zeichen der Zeit Vorbeigehen zu können, so dürfen wir -Liberalen sie nicht mißachten und dürfen uns nicht daran hindern lassen, die immer wieder wandelbaren äußeren Formen zu andern, in denen die Gottesverehrung sich.bei uns Juden vollzieht. Auch in orthodoxen Synagogen spielt der Gottesdienst sich rächt mehr in den Formen ab, wie zur Zeit des Schulchan Aruch, predigt ünd Gebet für Kaiser und Landesherrn sind deutsch, was vor {20 Jahren undenkbar gewesen wäre, Rabbiner und Kantoren amtieren im Talar — was hätte Tiktin ln Breslau noch im Jahre {8^0 dazu gesagt! — und lassen sich gelegentlich mit Stolz in dieser Amtskleidung photographieren, man hört kunstvolle a capella Lhöre u. ^>ergl. mehr. Da ist es erst recht kein Zerstören, sondern ein Aufbauen, wenn wir Liberalen verlangen, daß denen, die des hebräischen nicht mächtig sind, die Möglichkeit gewährt wird, den Glauben der Bäter äuszuüben, nicht so, wie im Tempel Zions oder in den Bethäufern des Mittelalters oder heute in den Synagogen Mberungarns, sondern in unserer Weise, dem geläuterten Empfinden unserer Tage entsprechend und im' wesentlichen in unserem „geliebten Deutsch", in der Muttersprache, deren Größe und einigende Kraft uns in diesen Zeiten mehr als je zum Bewußtsein gekommen ist. Zn diesem Sinne zu arbeiten, ist die erste Aufgabe. der liberalen Bereinigung und in ihr vornehmlich der liberalen Rabbiner. Sie, sehr verehrter Herr Dr.> haben unter dem Beistände einer weitblickenden Gemeindeverwaltung und begeisterter Laien Großes und Borbildliches geleistet und aus kleinen Anfängen heraus einen Gottesdienst geschaffen, der einen wesentlichen Teil der unumgang-

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