Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Date
- 1917-07-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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O o o o 7s Ar. Aaerrv 'd: Urbrr die netwendige Umgestaltung des jüd. Gottesdienstes Dauer betrug trotz einer längeren predigt des Geistlichen, der vor dem Kriege im Ausland gewirkt hatte und der nun über Pfingsten und den Heiligen Geist in freier, selbst für den überzeugten Juden anregender und erbebender weise zu sprechen wußte, nur eine knappe Stunde. Immer wieder ertönte kräftiger Gemeindegesang nach wohlbekannten Melodien. Jeder stimmte in sie ein, jeder konnte den Gottesdienst verstehen und sich an ihm von Anfang bis zu Lnde beteiligen, und Harum herrschte eine Stille — nun eben wie jn der Kirche' / was sich in so eindringlicher weise vor meinen Augen und Ohren abgespielt hat, ist nichts Neues. Viele von unseren Freunden haben einer Reform des Gottesdienstes schon oft genug das Wort geredet, aber ihre Notwendigkeit wird leider auch in unseren Kreisen nicht klar genug erkannt. Die Tatsache läßt sich nun einmal'nicht aus der Welt schaffen, daß die jüdische Jugend vornehmlich aus den Großstädten, in die sich ein noch immer wachsender Teil der deutschen Juden zusammendrängt, der hebräischen Sprache unkundig, daß sie bestenfalls imstande ist, die allerwichtigsten Gebete im Urtext mühselig zu lesen und einigermaßen zu verstehen, daß ihr aber die Möglichkeit fehlt, einem hebräischen Gottesdienst zu folgen und an ihm'nicht nur .äußerlich teilzunehmen. Gs war bezeichnend, daß bei dem Feldgottesdienst die älteren Kameraden im wesentlichen mitkommen konnten, daß er aber für die Jüngeren, die ihre Lrziehnng in größeren Städten genossen hatten, unverständlich und ohne Erhebung blieb. Man mag diese Tatsache noch so tief bedauern/ sie ist aber gar nicht äbzuleugnen. Alle Versuche, durch Religionsschulen, hebräische Unterrichtskurse u. dergl. Abhilfe zu schaffen, haben im wesentlichen versagt und durchgreifender Grsolg wird ihnen auch in Zukunft kaum beschieden sein, wenn nach dem Kriege an die männliche Jugend erhöhte Anforderungen zur Betätigung im militärischen Vorbereitungsdienst herantreten und freie Nachmittage, an denen bisher Religionsschulen besucht werden konnten, dazu in Anspruch genommen werden und wenn einmal die jüdischen Mädchen aus den Großstädten, deren hebräische Kenntnisse ganz minimale zu sein pflegen, zu Müttern herangewachsen sind. Im Gegensatz zu diesen" Tatsachen steht das Faktum, daß — von wenigen Ausnahmen abgesehen — der jüdische Gottesdienst auch in den sogenannten liberalen Synagogen auf dem Standpunkt verblieben ist, auf den ihn vor etwa sechs Iahrzehnten.die Reformen Abraham Geigers gebracht haben. Geigers unvergängliche Verdienste sollen nicht angetastet werden, die Fortschritte, die wir ihm verdanken, sind überaus große, aber wenn er in dem sehr interessanten Vorwort zum Frankfurter Gebetbuch von {870 betont, daß die Sprache der Urväter nahezu, in allen Stücken die Sprache des Gottesdienstes bleiben solle, so konnte er nicht voraussehen, daß nach einem halben Jahrhundert bei den deutschen Juden auch nicht annähernd das Maß hebräischer Kenntnisse vorhanden sein werde, das er bei der Zusammenstellung des Gebetbuchs voraussetzen mußte, und erst recht konnte er nicht ahnen, in wie hohem Maße die Ginführung der Gewerbefreiheit und der Freizügigkeit und die gewaltige Aenderung der wirtschaftlichen Verhältnisse auf die ganze Struktur und Zusamniensetzung der Gemeinden einwirken werde. Daß Geigers Arbeit fortgeführt.werden müsse, haben Sie klar erkannt. Die Ergebnisse Ihrer Tätigkeit sind in den von Ihnen herausaegebenen schönen Gebetbüchern niedergelegt, sie müssen propagiert und ausgebaut werden. Dabei erscheinen mir folgende Forderungen als unerläßliche : Unter Festhaltung der üblichen, geschichtlich bedingten Anordnung des Gottesdienstes muß der wundervolle Inhalt unserer