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Liberales Judentum · 1917-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1917) · p. Seite 75

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9 (1917)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1917)
Date
1917-07-01
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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Hermann Krckrr: Indische Erziehung oder Erziehung zum Judentum? Ist aber nicht dieses Ideal das allgemeine RIenschheitsideal? Und entfernen wir uns mit der, pflege dieses Ideals so weit von demjenigen aller Kulturvölker, also auch des Deutschen? Und ist aus diesem Grunde nicht gerade in der Gegenwart die Bibel mit ihren herrlichen Psalmen, mit ihren erfreuenden und tröstenden, begeisterten und verheißungsvollen Prophetenworten wieder zu Ehren gekommen? kvir müssen also auch aus diesen Grün* den eine besondere jüdische Erziehung ablebncn. Seien wir doch offen und ehrlich : kvir halten uns an Namen und nicht an Begriffe, wir sind Scholastiker statt Humanisten geworden, wir suchen Trost in toter grauer Vorzeit statt in lebensvoller und lebenerweckender 'Zukunft! Die Zukunft unserer Religionsgemeinschaft aber, der Bestand des Judentums, kann nach dem ihm zuteil gewordenen Berufe nicht erhalten werden, wenn es sich abschließt, wenn cs Stillstand statt Entwicklung, Rückschritt statt Fortschritt zeigt. Ist das israelitische Volk ein xriesterliches Volk, also ein Volk von Erziehern — und das soll es nach .feinem göttlichen Berufe fein — dann muß es auch die erste und wichtigste Forderung der Erziehung erfüllen, das ist: Die psychologische Beschaffenheit des Zöglings erkennen und auf Grund dieser Erkenntnis den Zögling heranbilden und erziehen. Ist dies aber möglich, wenn es sich durch eine sogenannte jüdische Erziehung abseits stellt, wenn es seiner Umgebung, mit der es durch gleiche Gesetze, gleiche L^ebensbedingungen und gleiche Schicksale unlöslich auf Gedeih und Verderb verbunden ist, nicht {, naher kommen will? - . | Aber das israelitische Volk hat auch leine i Kenntnis der deutschen Kultur noch niemals;l abgelehnt. In den rein jüdischen Volks- und höheren Schulen — die letzteren sind freilich sehr gering an Zahl — Lvird deutsche Geschichte, deutsche Literatur und deutsche Technik, Kunst und Wissenschaft ebenso gelehrt, wie in den rein chriMchen und Simultanschulen, dafür sorgt ja schon die Unterrichts- Lehördeund ihre Aufsichtsbeamten, was bleibt also zuletzt von einer sogenannten „jüdischen Erziehung" übrig? Dieses Schlagwort hat also in dem umfassenden Sinne, wie es unsere Eigenbrödler verstehen, keine Berechtigung. Zum Teil berechtigt ist es nur danh. wem: wir statt „jüdische Erziehung" „Erziehung zum Judentum" setzen. So lange unsere Glaubensgemeinschaft im Stiaatsleben einfach negiert wird, so lange wvr Juden nicht unsere gesetzlich verbürgte Gleichberechtigung erhalten, so lange uns so viele Neider und Hasser gegenüberstehen, rrife selbst in der gegenwärtigen liefen Not, Die alle Volksglieder, die Bekenner aller Religionen durch Blut und Eisen znsammenschließW sollte, so lange ist auch eine besondere Erziehung zum Judentum notwendig, eite Erziehung zum jüdischen Selbstbewußtseüq, das uns auf Grund unserer 'Geschichte und Mserer heiligen Schrift stark und fest inacht grgen Hohn, Schimpf, Verleumdung und Geringschätzung, gegen Rassenhochmut und Rsjssendünkel, eine Erziehung, die unsere Jugend vor dem LTlärtvrerlose bewahren will, das ihnen oft von ihren christlichen Mitschülern bereitet wird und ihnen die fröhliche, sonnige Jugendzeit zu einen: Dornenwege Nuscht. In den -ewigen, weltumfassenden Grundsätzen der jüdischen Sittenlehre, die sie im jüdischen Religionsunterrichte kennen lernen, in der Verehrung der jüdischen Helden nrifc in der Ehrfurcht vor den Propheten des altes Bundes und t>en Gelehrten und Märtyrern der nachbiblischen Zeih die das Ziel des jiifcifdjm Geschichtsunterrichtes fein sollen, endlich aber in jder traulichen Stille der Sabbatfeier sud der Feier unserer hohen Feste, die zugleich die schönsten Familienfeste darstellen, foum-t das Ziel der „Erziehung zum Iudentunt" zum Ausdruck. Die-

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