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Liberales Judentum · 1917-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1917) · p. Seite 74

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Journal
Liberales Judentum
Volume
9 (1917)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1917)
Date
1917-07-01
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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74 Hermann Hecker: Jüdische Erziehung oder Erziehung zum Judentum? * H eine nationale Erziehung und Bildung mit allem Eifer anstreben? — Ich höre den Einwand: Gerade die Gegenwart mit ihrer bitteren .CZual, in der ein Volk gegen da-- andere, ein Erdteil hegen den anderen um seine völkische Existenz kämpft, sollte uns vor der. veralteten nebelhaftenvolksbeglückungstheorie warnen und uns!auf den realen Boden der nationalen und religiösen Erziehung h'nlpeisen. Doch arbeiten wir für die Gegenwart oder für die Zukunft? Ist denn die Gegenwart das Dauernde und Ewige? Dieser unmenschliche Krieg wird und muß einmal vorübergehen, weil die Entwicklungsgesetze der Geschichte und der Natur ewige sind und ihnen auch die gesamte Menschheit in ßhrer sittlichen Bildung unterworfen ist. Sollen wir diese Erkenntnis, gewonnen auf dem Grrmde höherer Einsicht, erarbeitet durch die Geschichte der Jahrtausende, nunmehr über Bord iverfen,!wie lein wertloses Stück, weil die Menschheit aüf kurze Zeit in ihrem vorzeitlichen Atavismus zurückgeworfen ist? Gerade weil unser Herz blutet ob des unsäglichen Grausens, weil „der Menschheit Jammer uns anfaßt", gerade darum muß die Erziehung zur Humanität, die auch das Judentum fordert, wiederum „die Forderung des Tages" werden, wie sie ds vor dem weltbrande gewesen ist, und der religiösen und nationalen Erziehung ihre Stellung als untergeordnetes Glied in dem Erziehungss^stem, das wir als Erziehung zur Humanität bezeichnen, angewiesen werden, wie vorher. Es gibt also keine jüdische Erziehung, ebensowenig wie es eine christliche Erziehung gibt, wir leiden .sänge genug unter dem Schlagworte ^Christliche Erziehung" und „Christlicher Staat", als daß wir dieser Sondermarke, jbie uns abseits stellt, nunmehr durch eine ähnliche Sondermarke eine gewisse Berechtigung einräumen sollten. Ebenso unbereck>tigt ist aber auch die Forderung einer deutsch-nationalen und jüdisch-nationalen Erziehung für uns Juden. Die deutsch-nationale oder deutsch-völkische Erziehung schließt uns Inden ebenso von den Segnungen eines gemeinsamen volksemxfindens aus, wie die christliche Erziehung, nur aus anderen Gründen. Während diese uns unseres Glaubens wegen von der volkskultnr fernhalten will, sieht jene in uns einen „Fremdkörper", der einer minderwertigen Rasse entflammt. Und dennoch — man sollte es kaum für möglich halten — gibt es auch in unserem Lager Ueberängstliche, die so schnell als möglich in die Reihe der deutsch-nationalen Kulturträger ausgenommen werden mochten, die ihren Eltern niemals den Makel ihrer Geburt verzeihen können und vermeinen, nur durch das Weihewasser in diese illustren Kreise aufgenommen zu werden und die tausendjährige Leiden- und Heldengeschichte des Judentums vergessen lassen zu können! — Um so größer und bitterer ist aber dann ihre Enttäuschung, die auch '— wir befürchten es stark — selbst nach den in diesem Kriege von allen Volksgenossen gemeinsam ertragenen Leiden, Opfern und seelischen Erhebungen nicht ausbleiben wird. „Darum eben" — so wenden nicht die schlechtesten unserer Glaubensgenossen ein — „müssen wir eine jüdische Erziehung fordern, denn unsere Jugend muß doch wenigstens zu e i n e m Ideale herangebildet werden, wenlr ihr ibiepftege aller anderen (Ideale verwehrt wird." Und dieses Ideal ist sdie pflege des Iudenttuns, des jüdischen Bekenntnisses, der jüdischen Ethik und der weltumfassenden Lehren der jüdischen Sittenlehre, wie sie kurz aber klar in~bent Wochenabschnitt Wajero mit den Worten ausgedrückt ist, „denn ich weiß, daß er (Abraham) seinen Kindern Und seinem Hause nach ihm gebieten wird, daß sie den weg des Herrn befolgen, Tugend und Gerechtigkeit zu üben" ((. B. Al. iS. *9).

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