Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1917-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1917) · p. Seite 63

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
9 (1917)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1917)
Date
1917-05-01
Page
Seite 63 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3126481-3126586-3126589--2251-3129094
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Pr. Nogelstern: Mas Liberale Judentum und die jüdLMe Wissenschaft dienen sollte. Die Unrgangssprache war das hochdeutsche geworden, die Derascha blieb im Jargon, das Verlangen nach deutschen predigten Mächte sich geltend, von der damaligen Orthodoxie wurde es leidenschaftlich bekämpft, die Hilfe der Regierung wurde angerufen, .und tatsächlich hat die preußische Regierung durch die Rabinettsorder vom 9- Dezember \8>2o die deutschen predigten in den Synagogen verboten. Denn auch der xreuß. Regierung galt die deutsche Predigt als eine christliche Einrichtung, die von den Juden als Neuerung zur Auffrischung des der Regierung recht unerwünschten Judentums eingeführt' werden sollte. Diese Rümpfe sind der äußere Anlaß, der dem großen Altmeister der jüdischen Wissenschaft Leopold Zunz die Feder rn die Hand drückte zu seinem Standard vvork die gottesdienstlichen Vorträge der Juden. Das ^verk geht nicht auf die Tagcskämpfe 'ein, aber es verdankt ihnen nicht nur feine Entstehung, sondern es hat die Anschauungen über diese Frage innerhalb und außerhalb des Judentums gründlich umgestaltet. Daß heute auch die orthodoresse Synagoge die deutsche predigt kennt, ist nicht nur eine Folge der natürlichen Meitereisswicklung, sondern auch der geistigen Umgestaltung infolge besserer wisfeTHchaftlicher Erkenntnis. Und daß es auch beute «ur vereinzelte liberale Synagogen find, in denen allsäbbatlich gepredigt wird, wie es aWüdische Einrichtung ist, ist ein Beweis dafür, wie langsam sich die Ergebnisse der Mifferchchast in vollen! Umfange in die Praxis ssqetzen. In ähnlicher Meise hat die jüdische Missenschastt in die Emanzipationskämpse einbegriffen. Die famose Rabinettsorder der preußisches Regierung, die den Juden die Annahme ,/christlicher", d. h. deutscher Vornamen verbot, hat denselben Zunz aus den plan geführt und der jüdischen Missenschaft seine vorzügliche Studie über die Namen der Juden geschenkt, in der er mit wissen- .schaftlicher Gbjektvität nachweist, daß die Juden zu allen Züten die Namen gesübrt haben, die in den Lindern, in denen sie lebten, üblich waren. Ebenso hat der Uamps gegen den schimpflichen Iudeneid, der in Preußen bekanntlich erst am \5. Ulärz \869 beseitigt worden ist, die wvksamste Unterstützung erfahren durch die objektive Forschung der Gelehrten, von denm hier in erster Reihe Zacharias Frankel genannt sei. Diese Beispiele ließen sich leicht vervielfachen, sie mcgam jedoch genügen. Die Einwirkung der Äissenschast aus das praktische Leben zeigt stich nicht immer so deutlich, aber sie ist «auch dann vorhanden, wenn sie weniger ofsenkurdig in' die Erscheiirung tritt. Das alle Mort, daß die Geschichte die Lehrmeisterin des Menschengeschlechts ist, wird ja oft genug Ztiert und leider nur zu selten richtig angeuendet, weil die meisten entweder schablonermäßig Altes ans die neue Zeit zu 'übertragen suchen oder wegen der offenkundigen verWcdenheiten die innere Uebereinstimmung rächt zu erkennen vermögen oder schließlich bei scheinbarer Gleichheit die vorhandenen versckiedenheiten nicht sehen. Darum ist in PoliG uird Religion der un mittelbare Einfluß dnr geschichtlich gerichteten Missenschast meist rächt so groß und so tiefgehend, wie es wünschenswert wäre. Der religiöse Liberalismus im Judentum verdankt der jüdischen Missenschast die Grundlegung. Die Mssenschaft hat durch die geschichtliche Lrkenittris nachgewiesen, daß das Judentum von der ältesten Zeiten an eine ununterbrochene Entwicklung durchgemacht hat. Erst die Erkennttis der eiuzelnen Phasen der äußeren , wie der Geistes- und Religionsgeschichte hat ein wirkliches Verständnis für die religiösen Ausackirn 'der Gegenwart ermöglicht. Die wissenchaftliche Bewegung unter den deutschen IrLen, die in recht bescheidenen Ansätzen mit Ler Zeit Mendelssohns begamr, hat darunr cuf die Reformbeweaung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.